Raoul Biltgen: Heimweg, Trilogien

Op der Lay, Esch-sur-Sûre, 2000, ISBN: 2-87967-078-0

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ENDLICH RAUS

Die Autobahn schimmert naß-schwarz den Hundertschaften eingezwängten Autofahrern in der scheinheilig scheinenden Sonne, die zwischen der einen und der anderen, der eben jetzigen und der jetzt noch zukünftigen Wolke am schweiß-feuchten Himmel hindurchlugt, entgegen.

Autoarsch an Autonase zieht sich der motormurmelnde, ständig vor sich hinbetende Blechrosenkranz gen Süden aus der Stadt raus, nur raus, raus aus der Stadt, endlich raus, Gott, die erdrückt mich, ich halt’s nicht aus, diese kleine Stadt mit ihren zipfelmützigen Barockmittelaltersouvenir- und -trachtenläden rund ums Goldene Dach.

Moment, wer schlug mir diese Weihnachtsglocke in den Motorraum? Aber natürlich: als ich ankam, aufschlag, mit dem Boden auf den Bolzen, klack, und die drei im Auto schlucken, und ich weiß, ja, ich war zu schnell für diese Art von Einfahrt, aber woher soll ich denn wissen, daß es diese Art ist? Und jetzt glockt es weihnachtlich, jedesmal, wenn ich schalte, und das stimmt mich gar nicht glücklich, ganz im Gegenteil. Aber, ignorant wie ich bin, ignoriere ich es zwischen-zeitlich mal beflissentlich und werde schon noch sehen, was ich sehen werde.

Der Verkehr lahmt indessen weiter.

Nach einiger Zeit nabele ich mich aus, endlich raus, ha ha, zu früh gelacht, da stecke ich bereits in der nächsten Schlange, die gen Parkplatz, der da überfüllt am Hang des schneebedeckten, menschenbefahrenen Schigebietes prangt, sich schlängelt. Da muß ich oft schalten und viel dran denken, was Weihnachten mir dieses Jahr beschert hat: bis auf die Reparatur, die wahrscheinlich noch bevorsteht, vor allem auch den Drang aufgrund des geschenkten Paares Bretter, die nicht die Welt bedeuten aber bei ordentlicher Geschwindigkeit den Tod, davon bin ich überzeugt, nein, das weiß ich aus dem Fernseher, den Drang, Schi zu fahren, Schiii foarn, so singen sie. Na ja. So oder so.

Indes, man tuckert weiter, kreisrund rundherum, bis Gott endlich dann auch mich erhört und mir einen Wegfahrenden beschert, nachweihnachtlich, und fahr schnell rein, bevor es ein anderer bemerkt und mir noch auf irgendeine wundersame Weise den Parkplatz vor der Nase wegbeschert. Und es ist mir nein sowas von egal, daß ich nicht wirklich gerade stehe und mein Parkplatznachbar rechtens sich freuen wird, daß er sich an meiner Beifahrerseite entlangzwängen werden muß, aber Ätsch.

Endlich bin ich da und raus aus dem Auto, dem stinkend stickig-heißen, weil Schianorak schon an, und Schier raus und Schischuh an und zu den Deckel und hin in die nächste Schlange beim Lift, aber bis dahin erstmal warmlaufen in den Klumpschuhen, so daß ich jetzt schon weiß, wo die Blasen sein werden, wenn ich am Abend die Stinkesocken mit zwei Fingern von den Füßen pelle. Bis ich endlich ankomm am Ende der Schlange, wird sie größer und größer und ich faß es nicht.

Endlich, jetzt bin ich drin, gehör dazu, ziehe fröhlich mit, ein Bein schön brav vor das andere, links vor rechts und rechts vor links. Schon wieder eine Betprozession, in der ich bis zum Halse stecke; zweimal vor und eins zurück, nur springen geht nicht wie in Echternach.

Doch da plötzlich höre ich es tuten in meinem Ohr, aber ich leide nicht an Tinitus, dafür tutet es zu laut, und den anderen tutet es wohl ebenso, weil die Schlange zieht plötzlich stark nach rechts und ein blaublinkender Krankenwagen schiebt sich rückwärts bei uns rein. Ich spähe vorsichtig dem Krankenwagen nach, denn ich habe einen Fensterplatz erwischt, und sehe, und will gar nicht hinschaun, viel Blut sehe ich am Bein des auf der Bahre rückwärts beim Krankenwagen reingeschobenen Schifahrers, viel zu viel Blut, und es graust mir gar sehr, den ich bin da eher ein Mimöschen, was Blut und Krankenwagen angeht, aber Gottseidank war er wohl schon bewußtlos, sonst auch noch das Geschrei, und er ist ja auch schon drin, und hupt doch nicht so laut, ihr Krankenwagenfahrer, wir stehen ja nicht im Weg und dann erwacht am Ende noch einer vorzeitig aus seinem heilsamen Schlaf, und das wollen wir ja alle nicht, oder?

Und nun geht es los. Natürlich das Gedränge wieder in die Schlange, und ich war aber vorher vorne und nicht du und gar nicht wahr und wer drängelt da so, aber vor allem die lieben Spekulationen, was ist denn wohl passiert? Doch da hör ich gar nicht hin, sondern versuche meinetwegen an das Glocken im Motor zu denken, um das viele Blut aus meinen Augen wegzuwischen, während es ganz plötzlich leise schnee-nieselt und meinen nicht bemützten Kopf bedeckt.

Da sagt einer, und das laut: bei dem Wetter ist es ja kein Wunder, das etwas passiert, da sieht man ja die Hand vor Augen nicht, geschweige denn, die Piste oder andere Fahrer, wenn man runterbrettert volle Kanne und so weiter, und mir reicht’s, ich geh, raus da, weg, ich will nicht mehr, ich bin doch nicht blöd, aber nicht mit mir, mein Lieber, da fahr ich doch nach Hause in die Stadt, wo sicher ist, jawohl.

 

EIN ERLEBNISAUFSATZ

Wer hat mir einmal gesagt, ein Lehrer?, ein Lehrer wahrscheinlich, Aufsatz Schreiben auf jeden Fall, Deutsch oder Französisch, nun, der hat gesagt, man solle eine Geschichte am besten mit einem direkten Satz anfangen, also, richtig: mit einem Satz in der direkten Rede, Anführungszeichen unten, oben, und so, weil das bringt den Leser gleich rein ins Geschehen, er fühlt sich angesprochen, man kann auf lange, langatmige, mit der Handlung wenig in Zusammen-hang stehende, den Leser kaum interessierende Einleitungen verzichten, was weiß ich. Auf jeden Fall habe ich mich immer schön brav daran gehalten, ich und meine Schulkameraden, die vor mir, nach mir, mit mir, alle Generationen unter, glaube ich, allen Lehrern haben sich beflissentlich daran gehalten, eine Geschichte, einen Erlebnisaufsatz, mit einem Satz, richtig, in der direkten Rede anzu-fangen: irgendwer wird schon was zu sagen haben. Nun, ich hatte keine Lehrer, immer nur -innen, und die haben es mich nicht anders gelehrt, oder mir, nein mich, beigebracht haben sie es mir, soviel zur Grammatik, bei der ich mich auch nicht auskenne, mag das ernst nehmen, wer will! Nun, schon wieder nun, am Rand steht dann W für Wiederholung oder WH, nun, mir fällt kein Satz ein, den ich in die direkte Rede setzen könnte, also entsende ich meine besten Empfehlungen an alle Lehrer dieser Erde in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, samt -innen und deren werte Gemahl- und -innen und tue, was ich will.

Ein Auto schlägt mit seiner Unterseite auf einen Metallbolzen, der zu einer Hauspforte gehört und am Boden angebracht ist, um sie, die Pforte, mit seiner Hilfe, des Bolzens, abschließen zu können. Ein Auto schlägt also auf einen solchen Bolzen mit seiner Unterseite, und es ergibt einen verdächtigen Ton, der dem Fahrer des Wagens in nächster Zukunft nicht aus dem Kopf gehen will, weil er plötzlich ein seltsames Klingeln im Motor seines Wagens hört, und dieses auf diesen Aufschlag zurückführt, obwohl er sich wohl noch eine Zeit lang weigern wird, sich einzugestehen, daß wirklich etwas hin sein könnte, und er besser daran täte, mit dem Wagen zur Reparatur zu fahren. Aber das hat mit der Sache nichts zu tun, und wer weiß schon wirklich, was in so Köpfen von Autofahrern vor sich geht.

Dieser Mensch im Auto, ein Mann, dieser Mann fährt also mit seinem Auto durch eine Hauspforte in einen Hausgang und dann wieder aus dem Hausgang in einen Hof in der Salurnerstraße 12 in Innsbruck, Österreich, Postleitzahl weiß ich nicht. Dort stellt er sein Auto ab, steigt aus und ist da. Worauf ich hinaus wollte. Was aber auch noch völlig belanglos ist, ich hätte auch gleich irgendwo anders anfangen können, aber wie gesagt, keine direkte Rede eingefallen, also mit etwas anderem versuchen, und, wer weiß, vielleicht habe ich ja Stunden und Tage über diesem Anfang gebrütet? Vielleicht aber auch nicht? Ja, ja. Aber komme ich zur Sache, der Mann will nach Hause, er hat eine Wohnung in diesem Haus, er geht auch hin, das ist nichts besonderes, nicht einmal für ihn, das tut er jeden Tag, und ich habe auch nicht vor, ihm jetzt irgendwie ein dummes Gefühl in der Bauchgegend anzusiedeln, oder eine böse Vorahnung, die eine Arbeitskollegin ihm aus dem Kaffeesatz gelesen hat und an die er nicht glauben will, und trotzdem geht es ihm nicht aus dem Kopf, was diese Kollegin, die er nicht einmal wirklich leiden kann, und die er immer als Esotante betitelt, was die ihm gesagt hat, und, siehst du, damit hätte ich anfangen können, mit diesem Satz, der ihm im Kopf rumspukt, aber, wie gesagt, ich habe ja nicht vor ihm all dies mit auf seinen Weg zu geben. Nein, er geht ganz einfach nur nach getaner Arbeit, nehmen wir Büro an, Bank, er kommt nach Hause, ist weder besonders müde noch ungewöhnlich munter, er haßt seine Arbeit nicht, er ist nicht in eine andere Kollegin, nicht die Esotante, verliebt, aber traut sich nicht es ihr zu gestehen, er ist auch nicht schwul und heimlich auf seinen Chef scharf, weil sein Chef ist eine Frau, und, schwul oder nicht schwul, auch damit hat er keine erwähnenswerten Probleme, nein, er kommt ganz einfach nur nach Hause, langweilig wie er ist. Also jetzt nicht, daß er sich langweilt am Nachhauseweg, er ist einfach nur eine langweilige Figur, so wie wir alle. Ich kann ja auch nichts dafür; auch literarische Figuren sind nur Menschen wie du und ich. Auf den ersten Blick jedenfalls. Wie du und ich, wir sind ja auch nur auf den ersten Blick Menschen wie du und ich.

Der Mann. Der Mann kommt nach Hause, aber das weißt du ja schon, er kommt nach Hause, geht die Treppen hoch, er wohnt im zweiten Stock, also das nun wirklich, da gibt es kein Wenn und Aber oder so, er wohnt im zweiten Stock, geht die Treppe hoch... Moment, er hat noch keinen Namen. Armin? Oder Paul? Wolfgang, und seine Freunde nennen ihn Wolfi. Blöd. Sagen wir mal so, er bleibt erst mal namenlos, und sobald mir ein guter einfällt, dann sag ich es dir. Er kommt zu sich rein und zieht Mantel und Schuhe aus und was man halt so tut, wenn man nach Hause kommt und schaut sich um nach seiner Freundin. Ja, die hat er. Die wohnt mit ihm zusammen. In seiner Wohnung. Und nach der schaut er sich um.

Und jetzt wird es spannend! Warum muß er sich nach seiner Freundin umschauen? Was ist wohl mit ihr? Ist sie da? Ist sie weg? Wo ist sie? Ist sie aus dem Fenster gesprungen, weil sie das Leben mit ihm, jetzt wäre ein Name natürlich toll, weil sie das Leben mit ihm nicht mehr aushält und sich in einen Arbeitskollegen verliebt hat, und der ist verheiratet und hat drei Kinder und will seine Frau umbringen, falls sie nicht mit ihm, dem Kollegen jetzt, zusammenziehen will und er ihr noch ein paar Kinder zeugen kann und sie dann eine eigene Firma gründen könnten, viele Leute einstellen und diese dann nicht ausbezahlen und zusammen auf die Balearen fliehen, wo sie sicher sind vor Gott und der Welt? Ist es das? Irgendwo fehlt da in diesem vorherigen Satz noch ein Verb, aber das ist mir jetzt wurscht. Oder ist sie aber Lehrerin, der es nicht wurscht gewesen wäre, und sie wurde von einem Ex-Schüler entführt, vergewaltigt, zerstückelt und in einer Badewanne in Salz eingelegt? So daß ihr Mörder, der blutrünstige, immer wieder ein Stück herausfischen und es sich zu Gemüte führen kann? Die Brüste zuletzt? Was gibt es da noch? Zigarettenholen und auf Nimmer-wiedersehen? Milch vergessen und vom Auto überrollt?

Aber all das geht vielleicht dir im Kopf herum, ihm, Name!, aber nicht, weil sie hat ihm gesagt, wo sie sein wird, wenn er nach Hause kommt, und dort sucht er sie dann auch, nachdem er sich lediglich im Rest der Wohnung, Küche, Bad, Wohnzimmer umgeschaut hat nach was auch immer. Was bleibt? Abstellraum, sicher, aber nein, und Schlafzimmer. Und dort liegt sie auf dem Bett, nackt, nicht wie Gott sie schuf, sondern wie sie sich in 27 Jahren und, etwa, 4 Monaten seit ihrer Geburt entwickelt hat, und erwartet ihn und dort findet er sie auch. Er schließt die Tür, zieht sich aus und beide haben ganz tollen Sex.

So ist das.

Und das tun sie nur, weil ich mich heute mit Romeo und Julia beschäftigt habe, und die sterben, aber meine beiden nicht.

Mehr gibt’s nicht.

Enttäuscht? Dafür kann ich auch nichts. So ist das nun mal, wenn zwei zusammen sind, und sie keine Probleme haben, aber Zeit und Muße, Sex miteinander zu haben.

Wenn es dich tröstet: ihr Sex ist wirklich ganz, ganz toll, aber ich sag nicht, was sie so alles tun. Das mußt du dir dann schon selber ausdenken.

Streng dich an, damit ein wenig Erotik in diese Geschichte kommt.

Aus.

Keine direkte Rede.

Er heißt Klaus und sie Marie.

 

alle Texte: (c) Op der Lay, Esch-sur-Sûre, 2000