Raoul Biltgen: Manchmal spreche ich sie aus, Gedichte
Op der Lay, Esch-sur-Sûre, 1999, ISBN: 2-87967-069-1
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Natürlich
liebe ich es
dich zu sehn
so nackt
wenn du im Bett liegst
und die Decke
deine Brüste
nicht verbirgt
Natürlich
liebe ich es
dies zu sehn
Doch
ich nehm die Decke
und zieh sie hoch
bis zu deinem Hals
denn schöner bist du
wenn ich weiß
dass du nicht frierst
Wien
Nun
da ich dich verlasse
Stadt der Fiaker
und der Hundekacke
Stadt der Lippizzaner
und der katzengoldenen Königshäuser
der immer noch in K.u.K.-Monarchie schwelgenden
nicht mehr Adeligen
und der sich am Helderplatz stimmlich verausgabten
auch mal dran Glaubenden
der Monumetalfassaden
und Gemeindebauten
des vielbesungenen
und vielgesunkenen Praters
des stadteigenen Charme
und stadteigenen Schmarrn
der Tramway mit W
der Bimlinie J
der Burg
des Kongresses
des Prinzen Eugen
der Sissi
des Sigmunds
des Strauss'
und des Strauss'
des Kaffees
und des Schmähs
und des Servus Babas
meine Stadt
nun
da ich dich verlasse
tust du mir so unendlich leid
Ich werde wohl noch lange Zeit
mein Bett in dir zurücklassen
Du sitzt da
ich seh dich an
und ich weiß nicht
ob du wirklich bist
Doch wenn du mich fragst
warum ich dich so anseh
und ich dir keine Antwort geben kann
und du dich dann erhebst
und gehst
dann weiß ich
dass ich eben
die Wirklichkeit
verpasst hab
Du greifst nach meiner Hand
du zerrst mich in die Kälte
du ziehst mich durch den Regen
du stößt mich in den Schmutz
du sperrst mich ein im Dunkel
du schlägst mich ins Gesicht
du gibst mir nichts zu Essen
du spuckst mir vor die Füße
du verspottest meine Schwäche
du kommst zu mir
küsst mich auf die Augen
wischst den Dreck von meiner Haut
bietest mir die Schulter an als Stütze
und ich weiß
du liebst mich
alle Texte: (c) Op der Lay, Esch-sur-Sûre, 1999