Raoul Biltgen: Restroom (Auszug)
2D, 2H, (c) Thomas Sessler Verlag, Wien
...
(Ein Toilettenraum einer Tankstelle. Der LKW-Fahrer in der Klokabine, der Mann
wartend davor.)
LKW-FAHRER: Können Sie mir nicht vorne eine Zeitung holen?
DER MANN: Bitte?
LKW-FAHRER: Ob Sie so nett sein könnten, mir eine Zeitung zu holen, vorne? Irgendwas.
DER MANN: Ich habe mein Geld im Auto, weil, also, meine Frau zahlt das Benzin, wir wechseln uns immer ab, einmal sie, einmal ich, einmal ihre Schwester, sofern sie mitfährt, und jetzt war sie dran, also meine Frau...
LKW-FAHRER: Und Sie haben nichts dabei?
DER MANN: Nein. Aber vielleicht könnten Sie mir einfach ein wenig Geld unter der Tür durchschieben?
LKW-FAHRER: Mein Geld ist im Laster.
DER MANN: Ah, ja, das ist bedauerlich.
LKW-FAHRER: Ja.
(Stille.)
DER MANN: Soll ich mal fragen, ob die vorne vielleicht eine Zeitung ausborgen würden? Wär ja möglich, nicht? Dienst am Kunden. - Weil das sollte schon sein. Ich meine, ich komme ja aus dem Dienstleistungsgewerbe, ja?, also das sollte schon sein.
LKW-FAHRER: Wenn Sie wollen...
DER MANN: Ja?
LKW-FAHRER: Ja.
DER MANN: Gerne.
(Der Mann will gehen.)
LKW-FAHRER: Sagen Sie...
DER MANN: Ja?
LKW-FAHRER: Könnten Sie dann kurz mal schauen, also vorne, ob da grad viel Betrieb ist?
DER MANN: Warum denn?
LKW-FAHRER: Nur so. Könnten Sie das für mich tun? Einmal schauen, ob im Kassenraum viel los ist und dann auch, ob noch Leute bei den Zapfsäulen sind? Das wär nett.
DER MANN: Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen machen kann...
LKW-FAHRER: Ja, bitte, lenkt mich ab...
DER MANN: Verstehe. Aber dann wär es wirklich auch für mich schon so langsam sehr dringend.
LKW-FAHRER: Ist mir klar.
DER MANN: Sehr dringend.
LKW-FAHRER: Dann wird es ganz schnell gehen, glauben Sie mir.
DER MANN: Gut.
LKW-FAHRER: Gut.
DER MANN: Also, ich schau dann mal raus.
LKW-FAHRER: Danke.
DER MANN: Bis gleich.
LKW-FAHRER: Ja, bis gleich.
(Der Mann geht raus. Großer Seufzer vom LKW-Fahrer. Man hört an seinem Atem, dass er sich anstrengt, endlich sein Geschäft zu erledigen, und zwar ehe der Mann wieder zurückkommt. Es scheint ihm zu gelingen. Nach einer Weile kommt der Mann zurück.)
DER MANN: Ich bin wieder da.
(Stille.)
DER MANN: Hallo? Ich bin zurück. – Sind Sie noch da?
LKW-FAHRER gepresst: Ja.
DER MANN: Oh, Entschuldigung. – Viel Glück.
LKW-FAHRER: Ja, stören Sie nicht.
DER MANN: Nein, Entschuldigung.
(Stille.)
DER MANN: Und?
LKW-FAHRER gepresst: Gleich.
DER MANN: Ja.
(Stille.)
DER MANN: Ach ja, genau. Also, es ist nicht so viel los im Moment, also kaum. Ein Mercedes ist gerade weggefahren, aber sonst niemand.
LKW-FAHRER: Gut.
DER MANN: Also ich bin natürlich noch da. Und meine Frau würde auf mich warten, und ihre Schwester, im Auto, aber ich müsste Sie dann auch bitten, naja, Sie wissen schon.
LKW-FAHRER schreit: Sofort.
DER MANN: Vielleicht könnten Sie mich ja nur ganz kurz vor lassen, ich bin da immer sehr schnell, und dann könnten Sie in aller Ruhe weiter...
LKW-FAHRER: Dann kacken Sie doch ins Waschbecken, Mann, wenn Sie es nicht mehr aushalten, oder Sie lassen es mich jetzt endlich zu Ende bringen, ja?
DER MANN: Entschuldigung.
(Stille. Der LKW-Fahrer gibt sich sehr viel Mühe.)
DER MANN: Und ich habe auch nach einer Zeitung gefragt, wissen Sie, aber die junge Dame an der Kasse war schon sehr unfreundlich, das ginge nicht, das müsste ich dann schon bezahlen, oder eben Sie. Also sowas hätte es bei uns nicht gegeben, weil wir organisieren ja jährliche Weiterbildungsmaßnahmen, die für unsere Mitarbeiter verpflichtend sind, und gerade erst vorletztes Mal ging es darum, wie man sich dem Kunden gegenüber benehmen sollte, und dass es manchmal mehr bringt, kleine Aufmerksamkeiten zu gewähren, um den Kunden für sich zu gewinnen, um dann das große Geschäft abschließen zu können.
LKW-FAHRER gepresst: Verstehe.
DER MANN: Der große Sicherheitscheck zum Beispiel mit allem Drum und Dran an Versicherungen. Besonders beliebt bei Geschäftsleuten.
LKW-FAHRER gepresst: Mhm.
DER MANN: Es ist ja immer dasselbe. Steh ich an der Kasse und bitte diese junge Dame, ein sehr ansehnliches Fräulein übrigens, nach einer Zeitung, und was müssen meine erfahrenen Augen wieder erblicken? – Na, was glauben Sie?
LKW-FAHRER sehr gepresst: Weiß nicht.
DER MANN: Eine Kamera über der Kasse.
LKW-FAHRER: Was?
DER MANN: Aber eine dieser Attrappen. Einfach nur ein Blechding, was abschrecken soll, und wenn es dann doch passiert, dann gibt es kein Bild, weil es keine Kamera ist, sondern nur eine Nachbildung.
LKW-FAHRER: Aha.
(Der LKW-Fahrer kackt. Großer Seufzer beider Männer. Man hört, wie sich der LKW-Fahrer den Hintern wischt. Es stinkt.)
DER MANN: Gratuliere.
LKW-FAHRER: Was sind das für Dinger?
DER MANN: Bitte?
(Der Mann wird ungeduldig, weil er nun endlich auch dran kommen will. Der LKW-Fahrer zieht die Hose hoch.)
LKW-FAHRER: Wo Sie gerade drüber gesprochen haben.
DER MANN: Nachbildungen. Schlicht und ergreifend schlecht gemachte Nachbildungen. Müsste eigentlich jedem auffallen, dass das keine echten Kameras sind. Aber natürlich billiger. Wie immer wird am falschen Ende gespart.
LKW-FAHRER: Sehr gut.
DER MANN: Oh nein, ganz im Gegenteil...
Der LKW-Fahrer betätigt die Wasserspülung.
DER MANN: Endlich.
(Der LKW-Fahrer kommt raus, er hat seine Wollmütze über sein Gesicht gerollt, so dass nur noch Augen und Mund frei sind, in der Hand hält er eine Schrotflinte, die man bisher nicht gesehen hat, und richtet sie auf den Mann.)
LKW-FAHRER: Umdrehen und schön langsam vor mir her bis zur Kasse.
DER MANN: Was?
LKW-FAHRER: Du hast mich verstanden.
DER MANN: Aber...
LKW-FAHRER: Los.
DER MANN: Aber, bitte, ich muss wirklich...
LKW-FAHRER: Verkneif es dir.
(Beide
ab.)
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Info zum Stück - Fotos der Bregenzer Inszenierung von Restroom - Kritik