Raoul Biltgen: Restroom (Auszug)
2D, 2H, (c) Thomas Sessler Verlag, Wien
Info
zum Stück:
Eine Frau sucht mit ihrer Schwester die Toilette einer Tankstelle am Rande einer
einsamen Landstraße auf. Wegen eines Defekts ist nur die Herrentoilette
intakt. Inspiriert von der ungewohnten Lokalität, führen die Damen
angeregte Klogespräche, während der Ehemann der Frau draußen
den Tank füllt. Die Frau klagt über die Tristesse ihres
ehelichen Sexuallebens und träumt von der heilenden Wirkung eines potentiellen
Seitensprunges mit einem strammen Liebhaber. Da muss sie aus dem Mund der Schwester
erfahren, dass ihr der Ehemann bereits zuvorgekommen ist. Unbekümmert berichtet
„die Schwägerin“ von einem bereits zwei Jahre zurückliegenden
Liebesabenteuer
mit dem ”langweiligen Schwager”. Die Betrogene gerät in Rage.
Laut streitend verlassen die Schwestern das Klo, welches kurz darauf der Ehemann,
von einem dringenden Bedürfnis getrieben, aufsucht. Die Toilette wird allerdings
bereits von einem LKW- Fahrer blockiert, den die Schwestern kurz davor der Türe
verwiesen haben. Der Ehemann erteilt dem mysteriösem Mann hinter der Klotür
bereitwillig über das Sicherheitssystem im Kassenraum Auskunft. Kurz darauf
stürmt der Fahrer bewaffnet den Laden. Der Überfall misslingt, die
automatische Türensperre schnappt zu. Ehepaar und Schwester werden vom
Fahrer als Geisel in der Toilette festgehalten.
Obwohl die Situation in Erwartung der Polizei äußerst gespannt ist,
kommen das Täter und Opfertrio einander auf ungewöhnliche Weise näher.
Schonungslos werden alte Rechnungen beglichen, die Schwester animiert den Täter
zu einem leidenschaftlichen Kuss. Der vermeintliche Seitensprung von damals
entpuppt sich als Flop, der Ehemann macht in die Hose, während sich seine
Frau in naiver Unerschrockenheit keineswegs vom nervenschwachen Täter aus
der Ruhe bringen lässt. Bei einem hysterisches Gerangel um das Gewehr erschießt
die Frau aus Versehen ihren Mann. Die Schwester knallt aus Versehen den wild
herumfuchtelnden Geiselnehmer ab. Und nachdem sich in einem furiosen Finale
der dritte Schuss löst, verlassen die Frauen, aus Versehen unverwundet,
mit einem perfekten Alibi die Toilette.
Ein Täter hält nach einem missglückten Überfall drei Leute
gewaltsam fest. Eine banale Situation, in die jeder gelangen kann. Doch geht
es in Restroom nicht unbedingt um die vordergründige Geschichte der Geiselnahme,
sondern um die Konfrontation von Menschen, deren Beziehungsgeflecht von einer
alltäglichen in eine extreme Situation wechselt. Raoul Biltgen kippt die
Gefährlichkeit der Situation ins Absurde und deckt umso deutlicher die
Handlungsmotive seiner Figuren auf. Die Ausnahmesituation, in der sich die Vier
in der Toilette befinden, setzt ein schlummerndes Gewaltpotential frei. Doch
ist die Geschichte kein Krimi, sondern eher die weitergedachte Konsequenz kriminalistischer
Phantasien. Was würde man tun, wenn man könnte? Die Gelegenheit ist
perfekt. Die Schwestern handelten scheinbar aus Notwehr...
Autzug aus Restroom - Fotos der Bregenzer Inszenierung von Restroom - Kritik