perfekt morden

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Raoul Biltgen
perfekt morden
Roman

Molden, Wien, 2005, ISBN: 385485143X
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Rezensionen:

(…) Mit rotzigem Trotz und durchaus selbstironisch schildert Raoul Biltgen die Irrfahrt eines Schnösels der „Generation X oder Golf oder weiß der Geier“. „perfekt morden“ ist eine amüsante Kopfgeburt mit Déjà-vu-Erlebnissen.
i.s. Der Standard Album 15.11.05

(…) In seinem kürzlich erschienenen Roman „perfekt morden“ präsentiert (…) Raoul Biltgen die spezifisch österreichisch-mitteleuropäische Weltsicht eines jungen Schriftstellers kurz vor dem endgültigen Sprung ins Erwachsenenleben. Auch in der Rolle des Prosaautors erweist sich Biltgen als stilles Multitalent mit einem ausgeprägten Hang zu abgründiger Tragikomik. (…) Biltgens zunächst unverfänglicher, gelegentlich etwas zu ausschweifend geratener Plauderton mündet in einen gewalttätigen Showdown im Kopfkino seines Protagonisten – ein durchaus unerwartetet und ambivalenter Schluss- und Höhepunkt in dem mit viel Wiener Realsatire gewürzten Text.
bl, Vorarlberger Nachrichten, 12.11.05

(…) Ich gebe es zu. Sein unregelmäßiger Stil, die nicht aus Unkenntnis doch aus Spaß oder Provokation strapazierte Grammatik und seine nicht ständigen, doch in unregelmäßigen Güssen niederprasselnden Wiederholungen können anfangs irritieren. Doch ist man erst einmal in Fahrt gekommen, lässt sich „perfekt morden“ auch perfekt genießen (bitte die Anführungszeichen nicht übersehen). (…) Lesevergnügen ist auf jeden Fall garantiert. Dazwischen kann man sich kaputtlachen, dann, ja eben dann, kommt es doch anders als erwartet. Also ein Muss.
Giulio-Enrico Pisani, Zeitung vum Letzebuerger Vollek, 8.11.05

Zwischen Wien, Luxemburg und Dresden - Vom unergründlichen Grund des Bösen
Der Roman perfekt morden von Raoul Biltgen, im Wiener Molden-Verlag erschienen, handelt in einem Bereich, der schon immer, aber vorzüglich in einer Zeit des oft blinden Terrorismus den Leser fasziniert, dem des Bösen.
Dieses hat aber in diesem Buch etwas traumhaft Blasses und Irreales an sich. Auch handelt es sich eigentlich nicht um einen Kriminalroman. Das oft leichtgewichtige, auf spannende Unterhaltung zielende Genre wird hier zugunsten der Inneneinsicht eines gewöhnlichen jungen Schriftstellers transzendiert, der den Wonnen seiner Gewöhnlichkeit nicht allein durch das Schreiben, sondern auch durch perfekte Morde zu entfliehen sucht. Sogar ein perfekt als Mord inszenierter Selbstmord schwebt dem Protagonisten zeitweilig vor. Nun kommt dieser so gar nicht perfekt Böse fast gemütlich und tollpatschig daher, so dass man sich über ihn wundert und ihn eher belächelt, kaum aber ernst nimmt. Da schleicht er sich nächtlicherweise in das Schlafzimmer seines Opfers, eines früheren Nachbarn, mit dem er eine alte Racherechnung begleichen will, und kann nicht zur tat schreiten. Die gruselige Faszination der Horrorfiguren Hannibal Lecter und Patrick Bateman geht unserem durchschnittlichen Luxemburger Tölpel vollends ab, auch wenn er selbst zuweilen an den „Helden“ von American Psycho denken muss. Was soll man auch von jemandem erwarten können, der weder das Flugzeug nach Luxemburg noch den Zug nach Dresden termingerecht und reibungslos besteigen kann. Und so entsteht die Spannung des Lesers, wenn er etwa schon gehört oder gelesen hat, dass es doch zu einem Mord kommt, aus einer Frage: Wie wird der Autor den tumben Niemand motivieren? Wie wird er es anstellen, dass der Leser ihm überhaupt böse Taten zutraut?
Das eigentliche Thema
Wer als Leser auf dem Weg zum Schluss des Romans die zahlreichen Abschweifungen in die kleinen Alltagswelten unseres Schriftstellers und angehenden Mörders als Füllsel eines im Kern langweiligen Krimis beiseite tut, hat nicht verstanden, dass die Abschweifungen das eigentliche Thema ausmachen. Neben diesen spielt der Autor auch zuweilen mit der Zeitlupentechnik der Wiederholung, was dann so klingt, als ob er die erzählte Zeit festhalten wollte:
„Und nun.
Der Sven steht da und schaut die beiden an.
Genau.
Der Sven steht da und schaut die beiden an.
Der Sven steht da und schaut die beiden an.
Der Sven steht da und schaut zur Nachbarin.
Der Sven steht da und schaut zum Nachbarn.
Auch die Nachbarin war nie seine Freundin.
Der Sven steht da und schaut zur Nachbarin.
Die Nachbarin könnte ihm eigentlich egal sein.
Der Sven steht da und schaut zur Nachbarin.
Die Nachbarin ist dem Sven egal.
Die Nachbarin könnte aufwachen.
Die Nachbarin hat sicher einen tiefen Schlaf.
Der Sven steht da und schaut sich die Nachbarin an und ihren Schlaf.
Der Sven steht da und schaut sich den Nachbarn an und dessen Schlaf.
Der Sven steht da und atmet tief.
Der Sven steht da.
Der Sven steht da.
Ja.
Der Sven steht da.“
Usw…
Im Mittelpunkt steht nicht das kriminelle Geschehen, das seltsam zufällig und unsicher dargestellt wird, ja dem man seine Realität irgendwie nicht abkauft.
Zwei Schlussversionen
So kann der Leser zwischen zwei Schlussversionen wählen. Die erste steht unter dem Zeichen von Eros, die andere (ab Seite 192) ist Thanatos gewidmet. In jener kommt es zu einem Liebesakt, der infolge einer fragmentierenden Darstellung zärtlich und schwebend wirkt, in dieser zum Mord an der Frau. Und in dem blutigen Geschehen wird dann rückblickend der versäumte Mord an den Nachbarn nachgeholt und auch der verschwundene Ulli zum Mordopfer von Sven. Die erste Fassung ist zu süß und fade, und die zweite wie eine Suppe, die man nachträglich würzt. Irgendwie stimmt etwas nicht.
Was die Motive für die vier Morde und den Kassenraub des Protagonisten betrifft, so werden Rache, ohnmächtige Wut und Aggressionsabbau zwar erwähnt, und doch hat der Leser den Eindruck, dass weder Sven noch sein Autor so recht daran glauben. Es ist wohl so, dass der Schriftsteller sich nicht als großen Schriftsteller sieht und sich an dem berüchtigten Essay des englischen Romantikers Thomas de Quincey inspiriert: On Murder considered as One of the Fine Arts. Oder ist der zweite Schluss gar nur das Hirngespinst eines Möchtegernmörders? Die Schilderung des Mordes hat in der Tat etwas Albtraumhaftes.
Wenn der Autor sich selbst in der Hauptfigur in Bezug auf Körpergröße, Halbglatze, Beziehung zur Heimat Luxemburg u.a. auf den Arm nimmt, so weckt das im Leser, der sich dessen bewusst ist, die sympathische Empfindung einer angenehm schwebenden Leichtigkeit durch Distanzierung.
Manche Luxemburgismen (Artikel vor Eigennamen, Prädikat hinter Subjekt in untergeordneten Nebensätzen) verleihen dem sprachlichen Gewebe des Romans einen Zauber, den noch die umgangssprachlichen Floskeln, die eingestreuten Laute (ehm, mhm, puh…) und Interjektionen (na ja, ja, dochdoch) steigern. So entsteht öfter ein 1/1-Eindruck von Kommunikation.
Sprachlicher Einfallsreichtum, Witz, Spaß und Lust am Pleonastischen und am Geblödel machen diem Lektüre zu einem kurzweiligen, aber zuweilen auch makabren Vergnügen.
Der Roman perfekt morden ist vielleicht nicht perfekt modern, aber postmodern ist er allemal.
Jacques Wirion in Tageblatt (Beilage „Kulturissimo” N. 48), 8. März 2006

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