Aloha!

7D, 2H
Uraufführung: Mai/Juni 2005 Vorarlberger Landestheater Bregenz, Inszenierung: Burghard Braun
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Aloha! am Stadttheater Klagenfurt, Foto: Helge Bauer

Aloha! am Stadttheater Klagenfurt, Foto: Helge Bauer

Neun Jugendliche verbringen einen Tag am Meer. Am nächsten Morgen sollen sie von einem Fischer wieder abgeholt werden. Sie richten sich am Strand ein, treiben ihre Späße und genießen ihr scheinbar sorgloses Dasein. Eine kleine Auseinandersetzung, ausgelöst durch Yasmin, trübt die unbeschwerte Stimmung. Kurz darauf geht sie ins Wasser. Einige der Mädchen folgen ihr, während der Rest der Gruppe am Strand bleibt. Eine Quallenattacke bereitet dem Vergnügen ein jähes Ende. Man hört hilfloses Schreien. Yasmin wird von ihren Freunden tot aus dem Wasser geborgen…
Dreimal die gleiche Ausgangssituation, dreimal das selbe Ende. Oder doch nicht? Ist der Tod Yasmins ein Unfall, oder doch Mord?

Raoul Biltgen zeigt drei scheinbar gleiche Episoden mit einem tragischen Ende. Jedes Mal wird das Objektiv schärfer gestellt, die brutale Wahrheit rückt näher.

Im ersten Bild wirkt alles relativ harmlos. Die Freunde treiben ihre eingespielten Späße, balgen ausgelassen herum. Unter den Mädchen, die sich in der Überzahl befinden, setzt ein erotisches Kräftemessen ein. Wer liebt hier eigentlich wen? Ein harmloser Streit bricht aus, Yasmin entzieht sich dem Spiel und will baden gehen. Unter übermütigem Gekicher wird sie von Lisa, Kathy, Anna und Sarah ins Wasser geschubst. Bald hören Uschi, Sophie; Flo und Csongor, die das bunte Treiben vom Strand aus beobachten, Hilfeschreie. Yasmin hat den Quallenüberfall nicht überlebt. Nach dem ersten Schock einigt man sich auf eine gemeinsame Aussage:

Niemand ist schuld, es gab keinen Streit, es war ein Unfall.

In der zweiten Version präsentiert sich die Gruppe in einer beinahe aufdringlichen Idylle. Alle lieben und helfen einander, kein Wölkchen trübt die zur Schau gestellte Harmonie. Yasmin durchbricht mit einer harmlosen Bemerkung die zwangsverordnete Harmonie. Sofort endet die penetrante Liebenswürdigkeit. Yasmin wird zum ”Abschuss” freigegeben. Man schickt sie mit ihrer Luftmatratze ins Wasser voraus. Von den Quallen wissen alle…

Naja, so ist es passiert. Es war ein Unfall. Und dabei haben wir uns so gut verstanden alle. Und wer konnte ahnen, dass es hier Quallen gibt? Und das gerade sie da rausschwimmen will. Das konnte niemand wissen… 

Aloha! am Vorarlberger Landestheater Bregenz

Aloha! am Vorarlberger Landestheater Bregenz

Nach dem zweiten Bild meldet sich die “tote” Yasmin zu Wort und leitet die dritte, die wahre Version ein. Gleich zu Beginn herrscht ein aggressiver, feindseliger Umgang Alle Hüllen sind gefallen. Yasmin ist von Anfang an das Feindbild, steht außerhalb der Gruppe .Sie wird von allen in einem sarkastischen Ton behandelt. Keiner will sie hier haben, niemand will sie eingeladen haben. Eiskalt spitzt sich die Situation zu. In stummem Einvernehmen fasst die Gruppe einen brutalen Entschluss…

Wir sollten sie rausfischen.
Warum?
Damit es so aussieht, als ob wir sie gerettet hätten.

Das Stück erinnert an Yasmina Rezas “Dreimal Leben”, wo drei unterschiedliche Versionen einer Geschichte ein jeweils anderes Ende herbeiführen. Raoul Biltgen zeigt drei scheinbar gleiche Episoden, die jedesmal ein scheinbar gleiches Ende nehmen. Mit kleinen Veränderungen wiederholt sich in allen Bildern das Rollenschema der Figuren. Getarnt hinter harmlosem Geplänkel verbergen sich harte Konkurrenzkämpfe. Yasmin ist die Reizfigur in der Gruppe. Jedesmal entsteht ein Streit, der die Situation auf unterschiedliche Weise in die Katastrophe treibt. Von Bild zu Bild wird das Objektiv schärfer gestellt, die brutale Wahrheit rückt näher. Die Außenseiterin wird von der Mehrheit kaltblütig vernichtet.

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Auszug


CSONGOR: Das ist das Paradies.
Stille. Kathy und Sophie kommen rein. Csongor seufzt.
SOPHIE: Super, Sonne scheint schon wieder.
KATHY: Schau dir das Meer an, das blinkt auch noch so.
SOPHIE: Wenn wir länger da bleiben, werden wir noch braun.
KATHY: Alles, nur das nicht.
SOPHIE: Ich geh in den Schatten.
KATHY: Du schaust auch schon so nass aus.
SOPHIE: Danke.
KATHY: Du schwitzt ja echt wie Sau.
SOPHIE: Danke schön.
KATHY: Mit deinen schwarzen Klamotten.
SOPHIE: Ich geh in den Schatten.
KATHY: Ja dann geh halt.
SOPHIE: Ja das tu ich auch.
Sophie geht nach hinten in den Schatten. Kathy bleibt unschlüssig stehen, geht dann zu Csongor.
KATHY: Und was ist mit dir?
CSONGOR laut: Nichts ist mit mir.
KATHY: Meingott, ist ja ok.
CSONGOR: Ja, das ist es auch.
KATHY: Gut.
CSONGOR: Gut.
KATHY: Gut.
Stille.
KATHY: Bin ich froh, wenn der Tag vorbei ist.
Stille.
KATHY: Du siehst aber glücklich aus.
CSONGOR Bin ich auch.
Stille.
KATHY: Du wirkst eher deprimiert.
CSONGOR grinst: Wo?
KATHY: In deinem künstlichen Lächeln.
Stille.
KATHY: Ständig wollen die einem erzählen, wie ich zu sein habe…
CSONGOR: Und? Hast du auf sie gehört?
KATHY: Seh ich so aus?
CSONGOR: Keine Ahnung.
Stille.
KATHY: Welche drei Sachen nimmst du mit auf eine einsame Insel?
CSONGOR: Bücher, damit ich mit niemandem reden muss, ein Schlauchboot, damit ich jederzeit wieder weg kann, und ein weißes Klavier.
KATHY: Warum ein Klavier?
CSONGOR: Damit ich es auf jemanden fallen lassen kann, der mich mit blöden Fragen nervt.
Uschi kommt auf den Strand, sie schleppt mehrere Taschen.
USCHI im Reinkommen: Aber wir helfen dir doch, ich weiß gar nicht, was du hast, hetzt doch nicht so, wir kommen schon, wir kommen schon. Sicher. Aber zuerst müssen wir noch da unten rumstehen und uns ärgern, dass das Boot so klein war und dass es geschaukelt hat und dass wir kotzen mussten und dass der blöde Typ vom Boot erst am Abend wiederkommen kann, weil der leider sein Boot braucht, um fischen zu gehen, wie kommt der sich eigentlich vor, jetzt einfach so fischen zu gehen, und auch noch den ganzen Nachmittag lang, wenn wir da sind und ihn bräuchten, schließlich sind wir die reichen Touristen, die ihm Geld geben und wer kauft schon seine stinkenden Fische, die will eh niemand haben, die stinkenden Fische… zu Kathy: Was?
KATHY: Was was?
USCHI: Was was was?
KATHY: Ich habe nichts gesagt.
USCHI: Oh nein, ich habe nichts gesagt, nein, ich sage nichts, ich sage nichts und trage nichts, das macht die Uschi schon allein, die trägt und redet und redet und trägt, also lass ich sie, was soll ich ihr dann helfen, dann helf ich ihr lieber nicht, oh nein, das macht die schon, und die anderen helfen ihr doch schon, was gibt es denn da noch für mich zu tragen, eben, nichts, da sitz ich lieber hier rum und schaue blöd in die Gegend und bin angefressen…
Uschi geht wieder ab.
KATHY: Ich wollt, ich wär wieder zuhause.
CSONGOR: Wem sagst du das.

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