Das Schwert im Stein

ein Klassenzimmerstück
1 H
Uraufführung: 2008, theaterlichter.de
(c) Thomas Sessler verlag, Wien

Wie kommt ein Junge in der heutigen Zeit auf die Idee, sich in einer schweren altmodischen Ritterrüstung zu Fuß auf den Weg nach England zu machen? Um ein Ritter zu werden? Unter König Artus?

Nein, ich bin natürlich kein Ritter.
Kein echter. Keiner aus dem Mittelalter,
ich lebe hier und heute, im 21. Jahrhundert. Wie ihr!

Da stimmt doch was nicht. Aber es gibt vor allem einen Grund, warum sich dieser junge Mann in Gedanken an den Hof Camelot, an den großen runden Tisch des sagenumwobenen Königs Artus begibt: er hält es zu Hause nicht mehr aus. Sein gewalttätiger Vater schlägt nicht nur ihn, er verschont auch die Mutter nicht. Bei jeder Verletzung muss eine neue Lüge
vor dem Arzt herhalten. Doch irgendwann werden die Geschichten mit den angeblichen Treppenstürzen unglaubwürdig. Der Junge muss etwas tun. Er muss einen Weg finden, sich gegen seinen Vater zu stellen. Er darf nicht mehr für den prügelnden Vater lügen, um die verprügelte Mutter scheinbar zu schützen.

War Artus selber nicht auch nur ein kleiner, unwichtiger Knappe, der seinem Stiefbruder dienen musste, bis er das Schwert aus dem Stein zog und zum größten König aller Zeiten wurde? Doch Artus hatte Merlin, der ihm geholfen hatte, der ihm das nötige Selbstvertrauen gab. Aber kann er heute dieses Selbstvertrauen wirklich in der Ruine einer Legende entdecken? Oder sollte er nicht besser in sich selber suchen? Wird er die Telefonnummer auf der Karte, die ihm der Arzt gegeben hat, wählen?

Mein Vater hat einen Gürtel. Mein Vater hat eine Technik, diesen Gürtel aus der Hose zu ziehen, die ist nahezu perfekt. Manchmal frage ich mich, ob er es ausprobiert, wenn er sich eine neue Hose kauft, ob er den Gürtel mit einem einzigen Schwung rausziehen kann. Öffnen, Schnalle greifen, ein Schwung. Wenn du nah genug dran bist, muss er nicht einmal mehr ein zweites Mal ausholen, mit dem ersten Schwung ist alles erledigt.

DAS SCHWERT IM STEIN ist Klassenzimmerstück über Gewalt in der Familie und über die Flucht davor. Eine Flucht, die nirgendwo anders enden kann, als dort, wo sie begonnen hat.

Ich muss los. Ich habe ein Schwert aus einem Stein zu ziehen.
Und ich weiß auch schon, wo ich es finden werde.

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Kritiken zur Uraufführung durch theaterlichter.de external_link_icon

Bericht aus der Schwäbischen Zeitung vom 20.01.2009

Hauptkorn fesselt mit Parforceritt

LEUTKIRCH – Gewalt in der Familie, Flucht in eine Schein- oder Traumwelt und sensibel abgestimmte Gedankensprünge zwischen Legende und persönlicher Bestandsaufnahme – dies alles bringt Hannes Hauptkorn in seinem Ein-Mann-Stück „Das Schwert im Stein“ bewegend auf die Bretter.

Mit Günther Hannes Hauptkorn hat die Vhs Leutkirch einen Profi-Schauspieler in den Bocksaal geholt. Der seit 2007 mit Frau und Kind in Herlazhofen lebende gebürtige Rumäne hat eine lange Bühnen-, Dozenten- und Regieerfahrung in Sachen Schauspielkunst vorzuweisen. Dennoch überraschte Hauptkorn mit dem Schul- und Jugendtheaterstück von Raoul Biltgen durch mitreißende Mimik und Gestik, und legte einen fesselnden Parforceritt durch Geschichte und Wirklichkeit, durch ohnmächtige Wut, Verzweiflung bis hin zu Heldentum und Unscheinbarkeit auf die Bühne.

Flucht vor der Gewalt

Als Ritter verkleidet mit Brustpanzer, Helm, Schwert und Rucksack stellte Hauptkorn einen x-beliebigen Jungen unserer Zeit dar, der sich auf den Weg nach England gemacht hatte, um dort seinem Helden, dem sagenumwobenen König Artus, ganz nahe zu sein. Natürlich gab es einen triftigen, schwerwiegenden Grund für diese Reise, nämlich die Flucht vor dem Zuhause, vor dem gewalttätigen Vater, der ihn und seine Mutter schlägt.

Immer wieder flüchtet sich dieser unscheinbare Junge in Ritterrüstung in die sagenumwobene Welt seines Helden König Artus. Er erzählt dem Publikum die Legende der Ritter der Tafelrunde, um sich in Sequenzen immer wieder an den gewalttätigen Vater zu erinnern. Hauptkorn verstand es par excellence, dem Publikum die Macht und Ohnmacht, die Gewalt und die Menschlichkeit, seine Helden und die Gedemütigten mit Eindringlichkeit nahe zu bringen.

Das Schwert im Stein ist ein Stück mit Texten, die sich durch feinfühliges Gespür für die Befindlichkeit unserer so genannten postmodernen Gesellschaft auszeichnet. Hauptkorn gelang es immer wieder, in sprachlich prägnanter Weise unserer Zeit sozusagen didaktisch den Puls zu fühlen.

Absolute Stille

Im Publikum herrschte während der 90-minütigen Aufführung absolute Stille. Die Gesichter der Zuschauer waren teils betroffen und bewegt – und es lachte niemand – denn dieses Stück ging ans Herz und verdeutlichte die Verzweiflung, die Ohnmacht und die Hilflosigkeit eines Kindes, das die Mutter mit gebrochenem Kiefer leiden sieht, selbst leidet und zum Lügen gezwungen wird, um die Gewaltattacken des eigenen Vaters vor der Gesellschaft zu vertuschen.

Erst ganz zum Schluss wird dem Jungen klar, dass er kein Niemand ist, dass er etwas bewegen kann, und er tritt die Reise zurück nach Hause an. Eine Flucht also, die dort endet, wo sie begonnen hat.

Hauptkorn stellte sich nach seiner Aufführung den Fragen des Publikums und wünschte sich: „Wenn es euch gefallen hat, dann sagt es euren Freunden weiter. Wenn es euch nicht gefallen hat, dann sagt es euren Feinden.“

(Erschienen: 20.01.2009)

 

Bericht aus dem Allgäuer Anzeigeblatt, Di 18.11.2008

Ein Held sein wie der legendäre König Artus

Von Rosemarie Schwesinger

Sonthofen – Mit psychologischen Problemstücken macht man keine Quote. Darüber grämen sich nicht nur ambitionierte TV-Macher, sondern auch wackre Einzelkämpfer auf den Bühnen der Republik. Der Schauspieler Günther Hannes Hauptkorn trotzte (in Kooperation mit zahlreichen sozial engagierten Verbänden) diesem negativen medialen Trend und ging mit der aktualisierten Artus-Legende «Das Schwert im Stein» auf Tournee. Jetzt trat er in Sonthofens Kultur-Werkstatt auf – vor wortwörtlich «handverlesenem» Publikum! Obwohl Werkstatt-Chefin Monika Bestle dieses eindringliche Jugendstück im Vorfeld sämtlichen Schulen vor Ort ans Herz gelegt hatte, war die Resonanz (mit Ausnahme einer aus Kempten angereisten Lehrerin) gleich Null.
Aber Hauptkorn ließ sichs nicht verdrießen und setzte dieses Spiel um Macht und Ohnmacht, um Gewalt und Menschlichkeit, um Helden und Gedemütigte mit eindringlicher Schauspielkunst unter die Haut. Ein netter unscheinbarer Junge des 21. Jahrhunderts macht sich – in Ritterrüstung – auf gen England, um König Artus zu suchen. Denn dieser legendäre tapfere Ritter war ein Held! Der kannte keine Angst und hatte einst die Menschen rund um den Globus vereint und befriedet.

Für den Vater ein Nichts

Bei ihm selbst sah´s ganz anders aus – er war feig und wollte einfach nur weg von zu Hause, von dem despotischen Vater, für den er «ein Nichts» war. Einer, der unter der Bettdecke Bücher las, anstatt durch Video-Kriegsspiele «zum Mann zu werden».
So wie König Artus wollte er sein, der Junge, und das Schwert aus dem Stein ziehen und damit all seine Probleme lösen und dem Vater Paroli bieten, die Mutter schützen – und sich selbst besiegen. Sensibel und bewegend springt Hauptkorn zwischen den Szenen von Legende und persönlicher Bestandsaufnahme. Er verweilt beim Zauberer Merlin, der Artus die (mentale) Kraft verlieh, um sich vom Knappen-Dasein über des Stiefbruders Vorherrschaft zu erheben. Aber die Botschaft kommt rüber: «Alles ist in Dir»! Der Merlin (oder was auch immer einem selbst auf die Sprünge verhilft) ist lediglich ein «Placebo»-Effekt! Siegertypen besiegen sich selbst. Und so macht sich schließlich der Junge auf – von König Artus zurück – mit neuem Selbstbewusstsein in die Gegenwart seiner zerrütteten Familie.
Statt dem Zauberer Merlin weiß er einen Arzt als Helfer an seiner Seite, der die Wahrheit der Verletzungen und «Treppenstürze» endlich ans Licht bringt.

Viel Beifall für diese thematisch dichte und schauspielerisch virtuose Parabel, die sich trefflich als Schulprojekt empfiehlt.
(Allgäuer Anzeiger)

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