Der Traum vom Wolf

5D, 4H
Uraufführung: November 2011, Theater Hof
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Michael Lohmer ist ein beliebter Sportlehrer in einem Mädcheninternat. Die Schülerinnen bewundern ihn und erheben ihn zu ihrem gemeinsamen männlichen Idol. Die gleichaltrigen Jungs können mit dem Wunschbild weiblicher Teenager- Träume nicht mithalten. Der Wettkampf um die Gunst des Lehrers setzt sich im Kampf um die Aufstellung der Mädchen für den kommenden Staffellauf fort, der zum Barometer der Anerkennung Lohmers wird. Das Geburtstagsfest von Jennifer löst schließlich eine Kette von Intrigen und Gerüchten aus. Jennifer prahlt vor ihren Kolleginnen, Lohmer im Turnsaal erfolgreich verführt zu haben, während Myriam eher zufällig das erreicht, was Jennifer in Wirklichkeit nicht gelungen ist. Die Wahrheit kommt bald ans Tageslicht. Sämtliche Versprechen, das „große Geheimnis“ von Myriam für sich zu behalten, werden gebrochen. Die Neuigkeit macht wie ein Lauffeuer die Runde und ein Skandal ist nicht mehr aufzuhalten. Lohmer zieht die Konsequenzen und reicht seine Kündigung ein.

Raoul Biltgen trifft die Stimmung der 15- Jährigen, deren äußere der inneren Entwicklung vorauseilt, präzise. Das seelische Ungleichgewicht, das fiebrige Hin und Her– Schwanken der Gefühle, das Provozieren und Ausloten von Grenzen und deren Überschreitung – dies alles bezeichnet den schmalen Grat, auf dem sich die in der Entwicklung steckenden Teenager befinden. Die Angst vor dem bösen Wolf aus dem Märchen wird zum Traum vom Wolf, zur Sehnsucht nach prickelnder Gefahr und dem Betreten verbotenen Terrains.

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Auszug


LOHMER: Hallo?
Stille.
LOHMER: Ist da wer?
Stille.
LOHMER: Hallo?
Lohmer öffnet die Garderobentür.
LOHMER: Oh, Entschuldige, ich…
Lohmer schließt die Garderobentür wieder.
LOHMER: Entschuldige.
Myriam schaut aus der Garderobe. Sie hat ein langes Handtuch um sich gewickelt. Ihre Haare sind nass.
MYRIAM: Es ist ja nichts passiert.
LOHMER: Nein.
MYRIAM: Ich bin ja nicht nackt.
LOHMER: Es ist nichts passiert.
MYRIAM: Nicht ganz.
LOHMER: Entschuldige, ich…
MYRIAM: Ich zieh mich dann mal an.
Stille. Nichts passiert.
MYRIAM: Ich war laufen.
LOHMER: Das dachte ich mir.
Stille.
MYRIAM: Und jetzt war ich duschen.
LOHMER: Ja.
Stille.
LOHMER: Es tut mir leid…
MYRIAM: Ich bin Ihnen nicht böse.
LOHMER: Ich meinte jetzt…
MYRIAM: Ich weiß. Dass Sie mich zur Ersatzläuferin gemacht haben.
LOHMER: Ja.
MYRIAM: Ich weiß.
Stille.
LOHMER: Bist du…
MYRIAM: Nein.
LOHMER: Schon lange da?
MYRIAM: Nein, ich… Ich war unter der Dusche, wenn ich gewusst hätte, dass Sie hier sind, dann…
Stille.
MYRIAM: Sie hatten schon recht, mich zur Ersatzläuferin zu machen…
LOHMER: Nein.
MYRIAM: Ich bin nun mal nicht mehr ganz so… Deswegen war ich laufen. Gerade eben, bevor…
LOHMER: Du bist nicht auf Jennifers Fest?
MYRIAM: Nein. – Ich dachte, Sie wollten auch…
LOHMER: Nein.
MYRIAM: Gut.
LOHMER: Ich wusste, dass du erwachsener damit umgehen kannst, als die anderen, du bist…
MYRIAM: Ja?
LOHMER: Reifer.
MYRIAM: Ja.
Stille.
LOHMER: Erwachsener.
MYRIAM: Mhm.
LOHMER: Und vernünftiger auch.
MYRIAM: Ja.
LOHMER: Ja.
Stille.
LOHMER: Ich geh dann mal.
MYRIAM: Ja, ich sollte auch endlich.
LOHMER: Ja.
Stille.
LOHMER: Ich könnte die Liste noch mal ändern.
MYRIAM: Nein.
LOHMER: Für dich.
Stille.
MYRIAM: Also.
LOHMER: Also.
MYRIAM: Ja.
Stille.
MYRIAM: Ja.
Stille.
MYRIAM: Ja.
Myriam geht in die Garderobe. In dem Moment, da sie in der Tür steht, lässt sie ihr Handtuch fallen. Dann verschwindet sie in der Garderobe. Die Tür lässt sie offen stehen. In der folgenden Stille sieht Lohmer das Handtuch an, dann schaut er weg, dann schaut er wieder hin.
LOHMER leise: Ja.
Lohmer folgt Myriam in die Garderobe. Black.

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