Ene Mene Mu

3D, 4H
Uraufführung: Oktober 2002, Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Ein junger Mann auf öffentlicher Toilette, schon am besten Weg zu einem Quicky. Er ahnt nicht, daß seine Partnerin der Tod ist. Heute ist dieser letzte „Begleiter“ ohne Pathos, unspektakulär, schnell und grausam. J erhält eine zweite Chance, 48 Stunden bis zu einem würdevolleren Tod. Dass er an die selbe Stelle wiederkommt und in die selbe Situation, ist wohl unvermeidlich. Das eigentliche Thema aber ist die Begegnung zwischen dem alten, traditionellen, pathetischen, angekündigten, langsamen Tod und dem schnellen, unerwarteten, der sich am deutlichsten im Goldenen Schuss manifestiert.

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Kritik zur Uraufführung

ENE MENE MU (in: „Sächsische Zeitung“ vom 2./3. November 2002)
2002/2003, Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau , Uraufführung, Regie: Roland May

Ene Mene Mu am Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau (c)

Ene Mene Mu am Gerhard-Hauptmann-Theater Zittau (c)

Wie ergeht es einem, der mitten im feucht-fröhlichen Leben vom Sensenmann aufgerufen wird? Ein Entrinnen gibt es freilich nicht, aber früher, zum Beispiel bei Hofmannsthal erhielt er einen kleinen Aufschub, um einen Gefährten für den letzten Weg zu suchen – den er natürlich nicht findet – und um am Ende seine (wenigen) guten Werke zusammenzuzählen und sich dem Glauben zuzuwenden. Heutzutage, bei Raoul Biltgen, einem jungen luxemburgischen, in Österreich auch Theater spielenden Autor, geht es weit weniger weihevoll zu, aber auch bei ihm wird „J“ eine Chance erhalten. Aus dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes wird jedoch eine Farce über den vorzeitigen Abgang des Genussmenschen.

Die Uraufführung von Biltgens Komödie „Ene Mene Mu“ im „theater hinterm vorhang“ bildete den heiteren Schlusspunkt der Jubiläumswoche zum 200. Geburtstag des Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theaters. Der Intendant selbst inszenierte das Stück, das in Anlehnung an Hugo von Hofmannsthals ‚Jedermann‘ entstand. Aber kein modernes Mysterienspiel, sondern eine Komödie für junge Leute, die sich unmissverständlich vom alljährlichen Ritual auf dem Salzburger Domplatz abhebt, hatte der Autor im Sinn und vermutlich deshalb flog alles Überflüssige von Gott der Herr bis Werke gnadenlos raus. Übrig geblieben ist eine Troika, die der Spaßgesellschaft unserer Tage den Spiegel vorhält. Der jugendliche Luftikus „J“, dessen Lebensinhalt sich im Anmachen und Aufreisen alles Weiblichen zu erschöpfen scheint, ist für den Abgang von der Bühne des Lebens vorgesehen und fortan kümmert sich nicht nur einer, sondern gleich ein Paar aus dem Jenseits um ihn. Dem alten, ein wenig verknöcherten Tod assistiert ein attraktives Sensenfräulein und beide treiben ihren Probanden in den letzten Augenblicken durch die Niederungen seines eigenen Lebens und gelegentlich auch beinahe zu Einsichten. Hat der Alte dabei vor allem die Mission im Blick, ist es bei der Henkersbraut, Auftrag hin – Auftrag her, doch eher der nette Kerl, den sie im Auge hat. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, aber am Ende kommt es doch, wie es kommen muss…

Eva Geiler führt mit lässigem Jargon den jungen Tod vor, der den althergebrachten Methoden des Sensenmannes seine eigenen entgegensetzt, indem „J“ 48 Stunden Aufschub bekommt. Die Dame, die die Fäden weitestgehend in der Hand hält, ohne jedoch übertrieben einen auf junge dynamische Power-Frau zu machen, zeigt dem alten Tod und ihrem Schützling, wo es langgeht. Ganz dem Zeitgeist entsprechend entwickelt sie so etwas wie eine Geschäftsidee, die in den werbeträchtigen Slogan „jedem seinen Tod individuell gestalten“ gefasst werden könnte. Erfolgreich in die Tat umsetzen will sie das mit dem jungen „J“. Der ist bei Jan Baake dieser Typ, der die ganze Zeit nur das mit vorn „f“ und hinten – na Sie wissen schon – im Sinn hat, der reichlich überdreht und doch irgendwie sympathisch ist. Stellenweise wirkt er gar wie ein braver Schulbub, dem das redliche Mühen anzumerken ist achtbar abzugehen und vielleicht sogar ernsthaft über sein Leben nachzudenken; allein, er scheitert immer wieder an sich und seinen ach so menschlichen Schwächen. Nicht einfach so abkratzen will er, schon gar nicht mit runtergelassenen Hosen auf dem Klo einer Disco. Nein, einen würdevollen, gar einen Heldentod möchte er in der gegebenen Frist hinbekommen – doch kaum tauchen die ersten Probleme auf, schon wird das Brett wieder an der dünnsten Stelle gebohrt. Mehr als die beiden anderen kann Alexander Wulke Wandlungsfähigkeit zeigen. Als alter Tod, der uns stilgerecht mit altertümelnden Versen kommt, macht er seine Sache nicht schlecht. Er muss in so manche urkomische Rolle schlüpfen um sich und seiner Kumpanin die Daseinsberechtigung des Althergebrachten im Handwerk des Sensenmannes zu beweisen. Ob er dabei den moralisierenden Alten oder die junge Dame beim Casting mimt, er überzieht nie und entgeht damit der Gefahr nur albern zu wirken.

Die ganze Geschichte wurde flott und ausgesprochen unterhaltsam von Roland May in Szene gesetzt (und auch von ihm selbst ausgestattet). Der heutzutage viel beklagte Hang zu Oberflächlichkeit, die stete Sucht sich von anderen abzuheben, sei es durch den Job, durch dicke Autos oder eben durch „blindes Rumficken“ (Biltgen), all das wurde ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit ausgesprochener Spielfreude aufs Korn genommen. Eine ansehnliche Komödie mit einem ordentlichen Schuss Zeitkritik – und nach genau 80 Minuten war alles gesagt. Das Premierenpublikum bedankte sich mit herzlichem Applaus.

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Auszug


(Eine junge Frau und J kommen rein, küssen sich, begrabschen sich.)
Junge Frau: Hier geht’s.
J: Am Klo?
Junge Frau: Ja klar.
J: Aber wenn wer herein kommt.
Junge Frau: Hier kommt niemand rein.
J: Wenn du meinst.
Junge Frau: Und wenn schon wer herein kommt… Daher komm. Da.
J: Da?
(Die junge Frau und J gehen in eine Klokabine.)
Junge Frau: Na mach schon.
J: Ja.
(Die junge Frau zieht ihr Höschen unter ihrem Rock aus, J beginnt, seine Hose auszuziehen.)
Junge Frau: Da.
(Die junge Frau kramt ein Kondom hervor und gibt es J.)
Junge Frau: Hier.
(J nimmt das Kondom. Die junge Frau führt mit einer Hand Js rechte Hand unter ihren Rock, während sie mit ihrer anderen Hand an seiner Unterhose fummelt. J versucht die Kondomverpackung mit den Zähnen aufzureißen, was sich als recht schwierig herausstellt, besonders da sie seine Hand unter ihrem Rock nicht losläßt. Schließlich gelingt es ihm: er reißt ein Stück von der Verpackung mit den Zähnen ab, er atmet es ein, es gerät in seine Luftröhre, er droht zu ersticken.)
Junge Frau: Na?
(J versucht auf seine Lage aufmerksam zu machen, deutet auf die aufgerissene Verpackung, auf seinen Hals, er kann aber nichts sagen, er röchelt und versucht das Teil heraus zu husten, deutet ihr, sie soll ihm auf den Rücken schlagen. Die junge Frau läßt ab von ihm, schaut zu, unternimmt nichts.)
Die junge Frau (flüsternd): Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag.
(Sie zieht ihr Höschen wieder an und will gehen, während er immer weniger Luft bekommt. Sie stockt einen Moment, besinnt sich, geht zurück zu J. Er ist knapp davor, wegzukippen und zu sterben, er kriegt sie nicht mehr mit. Sie schaut ihn an, schließlich küßt sie ihn zärtlich auf die Lippen. In diesem Moment ist er wieder völlig normal, wie wenn nichts passiert wäre, das Verpackungsteil ist verschwunden, er atmet normal.)
J: Oh Mann.
Junge Frau: Ok?
J: Oh Mann.
Junge Frau: Alles ok?
J: Ich glaub, jetzt hätt es mich fast erwischt.
Junge Frau: Ja, ja.
J: Ich glaub, jetzt wär es fast aus gewesen.
Junge Frau: Sicher.
J: Da hätt nicht mehr viel gefehlt.
Junge Frau: Genau.
J: Nicht mehr viel.
Junge Frau: Ja.
J: Oh Mann.
Junge Frau (für sich): Mein Gott, ein Fehler.
J: Am Gummi erstickt.
Junge Frau (für sich): Großer Fehler, ich weiß es jetzt schon.
J: Was?
Junge Frau: Ach nichts.
J: Am Gummi, sowas Blödes.
Junge Frau: Jeder stirbt halt, wie er kann.
J: Sowas Blödes.
Junge Frau: Na ja.
J: Da hatte ich ja nochmal Glück.
Junge Frau: Von Glück kann keine Rede sein.
J: Ich wäre fast erstickt.
Junge Frau: Das bist du, keine Angst.
J: Und nicht einmal ein letztes Mal gevögelt vor dem Tod. Echt blöd.
Junge Frau: Ok. Bist du dann wieder soweit?
J: Ja, sicher, wo waren wir stehen geblieben?
Junge Frau: Also, hör zu…
J: Nein, sag jetzt nichts, wir haben schon genug Zeit verloren. Komm schnell.
Junge Frau: Jetzt…
J: Oh Mann, jetzt will ich dich.
Junge Frau: Hör doch…
J: Ich bin so geil.
Junge Frau (für sich): Sehr sehr großer Fehler.
J: Das ist doch so, wenn man erstickt, dass die Gehängten noch schnell mal kommen, ist doch so.
Junge Frau: Und womöglich wächst aus dem Sperma, das runtertropft, die Alraunwurzel.
J: Ja?
Junge Frau: Nein, Ammenmärchen, aus.
J: Doch, doch, ich spür’s. Komm her. Oh Mann.
Junge Frau: Ok, jetzt reicht es aber, hör mir zu.
J: Nachher.
Junge Frau: Jetzt halt doch endlich mal deine Klappe, ja? Du bist tot, mein Lieber, ich vögel jetzt nicht mehr.
J: Oh, nein, so lebendig war ich noch nie. Knapp entronnen ist auch gewonnen.
Junge Frau: Du bist tot. Aus. Fertig. Verstehst du? Ich hab dir nur noch eine letzte Chance gegeben, dir dessen bewußt zu werden, bevor du völlig abdriftest ins Nichts. Einen kleinen Aufschub. Mehr nicht. Weil du vielleicht gerade ein süßes Gesicht gemacht hast. Klar?
J: Tut mir leid, aber was redest du für’n Scheiß?
Junge Frau: Du bist tot, mein Junge. Ich bin dein Tod. Verstehst du mich? Tot. Der Tod. Ene Mene Mu und raus bist du. Ich bin gekommen, weil die Zeit reif war für dich. Ich hab dich angemacht, weil…

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