Haifisch im Netz

12 Personen
Uraufführung: April 2013, Theater Hof
(c) Thomas Sessler Verlag Wien

Etwas unbeholfen macht Roland auf einer Party Karin einen Antrag, den diese ablehnt. Leicht verändert erscheint kurz darauf ein heimlicher Videomitschnitt im Netz. Öffentliche Bloßstellungen und ein falsches Profil machen Roland in kürzester Zeit zum Außenseiter, nicht nur in seiner Clique.

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Kritik zur Uraufführung

NACKT IM NETZ? DU BIST TOT! (von Michael Thumser, in „Frankenpost“, 13. April 2013)
2013, Theater Hof, Uraufführung, Regie: Claudia Maria Wagner

Hof – Cool ist er nicht. Eher ein Braver: ein „Mathegenie“, aber eins mit Gefühl. Schüchtern stotternd fragt er bei Karin an: „Willst du mit mir gehen?“ – „Wohin?“, fragt sie abweisend zurück.

„Voll peinlich“, so verliebt zu sein wie Roland; und so abzublitzen. Noch peinlicher, dass irgendein Spanner mit dem allgegenwärtigen Smartphone heimlich die Szene als Video aufnahm. Bald kursiert es im Internet: Roland, der „Loser“, der Kurz- und „Schlappschwanz“, das „Opfer“. „Ich kann’s gar nicht oft genug sehen“, grinst ein Mitschüler. Roland, wacker, aber wehrlos sich wehrend, findet hingegen: „Das ist nicht lustig.“

Ist es nicht. Es ist todernst. Tausendfach widerfährt Jugendlichen in den sozialen Netzwerken Vergleichbares: Bloßstellung, ausgrenzendes Mobbing. Der Marktschreierei der unkontrollierbaren elektronischen Massenmedien haben Claudia-Maria Wagner und ihr zielstrebiges Jugend-Ensemble ihre neue Produktion „Haifisch im Netz“ gewidmet: Am Donnerstag, im voll besetzten Studio, fand die bemerkenswerte Uraufführung verdient reichen Beifall.

An Kilian Riedhofs Fernsehfilm „Homevideo“ von 2011 erinnert der packende Stoff, den Autor Raoul Biltgen im Auftrag des Theaters Hof zum literarisch-dramaturgisch anspruchsvollen Problemstück ausspann. Lebensnah aus dem Jugendjargon gewinnt er die Dialoge, verknappt sie expressionistisch und stilisiert sie, beim „Abfuhr-Rap“, bis zum chorischen Sprechen. Hart schneidet er Situationen von einleuchtender Beispielhaftigkeit aneinander – und betont so die Aktualität des wichtigen Themas, die Unausweichlichkeit des Verhängnisses.

Demgemäß setzt Regisseurin Wagner nicht auf Realismus allein, wenn sie ihre spielfreudigen und charakterisierungskundigen Akteure auf der – nur mit Stühlen und Sesseln möblierten – Spielfläche zueinander in Beziehung setzt. Sie schickt sie auch mit entlarvenden Auskünften und Bekenntnissen für die Zuschauer durch deren Sitzreihen. Zugleich unterlegt sie den Gruppierungen eine Art choreografierter Zeichenhaftigkeit, die Rolands Vereinzelung, Vereinsamung, Verzweiflung augenfällig illustriert.

„Das Ganze beginnt wie ein Witz. Ist aber keiner.“ Nicolás Firlei, in der Titelrolle ein schon großer, noch unbeholfener Junge, bekundet mit einfachen Worten und bedrückender Wortlosigkeit, wie sich „das anfühlt“, wenn die anderen „wie Dieter Bohlen auf einen draufhauen, der schon am Boden liegt“. Sein Schicksal ist das schlimmste: aus einer Gemeinschaft herauszufallen, die sich per SMS und E-Mails, in Chatrooms und auf Facebook als Community definiert, während Individualität zum geposteten „Profil“ einschnurrt. „Nackt im Netz“ sieht sich Roland; und Firlei verzerrt sich zum „Psycho“: „Du bist tot!“, bedroht er schreiend seine Peiniger, unter denen der clevere Chris – Pascal Dürrschmidt, hinterhältig Öl ins Feuer gießend – der übelste ist. Facebook-„Freunde“ sehen im richtigen Leben wie Feinde aus. Am Ende stößt Roland selbst die angehimmelte Karin – Despina Rhaue, hilflos um Hilfe für ihn bemüht – und das Pärchen Frank und Vanessa (Marius Wilhelm, Luisa Meinel) wütend zurück.

„Der ganze Scheiß“ ist im Internet und im Herzen „und geht nicht mehr weg“. Am Ende hält Roland ein Messer: Wenn sich die „Peinlichkeiten“ und Lügen nicht löschen lassen – löscht er sich dann selbst aus? Offen der Schluss; unzweifelhaft, dass eine Katastrophe geschieht; und dass keines der Kids schuld sein mag. Auch die Lehrerin (Hannah Bohra) nicht: Die wollte, so rat- wie verständnislos, „einschreiten, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Nun liegt es drin, von keinem sozialen Netz gehalten. Das hätte, um den Namen zu verdienen, ein Netz sein müssen, in dem man nicht gefangen, sondern aufgefangen wird.

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