Hinter den sieben Bergen

9 Personen
UA frei
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Frei nach dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm erzählt Raoul Biltgen die Geschichte von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen. Alberto, Alfonso, Anselmo, Alfredo, Antonio, Augusto und Armando arbeiten von früh bis spät, um jeden Abend erschöpft in ihre Zwergenhütte zurückzukehren. Eines Tages klopft Schneewittchen an ihre Tür. Von der Königin ihres Landes abgeschoben, vom Jäger, der den Befehl, sie zu töten, missachtet und sie heimlich über die Grenze geführt hat, sucht Schneewittchen nun Asyl im Zwergenland.

Widerwillig nehmen die sieben Zwerge Schneewittchen auf und halsen ihr täglich ein hartes Pensum an Arbeit auf, dessen gewissenhafte Erledigung zur Bedingung ihres weiteren Aufenthaltes wird. Tag und Nacht kocht, putzt und wäscht Schneewittchen wie eine Sklavin, um der Abschiebung zu entgehen.

Doch eines Tages schleicht die Königin, die von Schneewittchens Versteck erfahren hat, verkleidet in die Zwergenhütte. Sie gibt sich als Vertreterin für Reinigungsmittel aus und schwatzt Schneewittchen ein sogenanntes Wunderwaschmittel auf, das in Wirklichkeit vergiftet ist und starke Schwellungen hervorruft. Schneewittchen erleidet schwere Verunstaltungen an den Armen und kann seine Arbeit nicht mehr zu Ende führen. Als die Zwerge das Chaos entdecken, werfen sie Schneewittchen kurzerhand aus dem Haus.

Der Jäger, der ihr schon einmal das Leben gerettet hat, hilft ihr wieder aus dem Elend. Als die Zwerge ihren Fehler bereuen und Schneewittchen mit offenen Armen wieder aufnehmen, vergiftet die Königin ihre Rivalin mit einem Apfel. Die traurigen Zwerge legen Schneewittchen in einen gläsernen Sarg. Da kommt ein Ritter des Weges, der sie wieder zum Leben erweckt…

Raoul Biltgen erzählt die Geschichte unsentimental und stellt das Problem des Fremdseins in kindgerechter Umsetzung in den Vordergrund. Schneewittchen ist eine aus ihrer Heimat Vertriebene, die keine Arbeit und Mühe scheut, um in dem Land, das sie aufgenommen hat, bleiben zu dürfen. Trotzdem bleibt sie eine Fremde, die mit anderen Maßstäben gemessen wird und sich keinen Fehler erlauben darf. Schneewittchen erlebt bei den Zwergen alle Höhen und Tiefen, doch verwehrt Raoul Biltgen der Geschichte nicht ihr märchenhaftes happyend.

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Auszug


ARMANDO: Pscht. – Was war denn das?
ALBERTO: Ein Hund?
ALFREDO: Ein Bär?
AUGUSTO: Ein Drache?
Wieder hört man Schnarchen.
ALFONSO: Da schnarcht jemand.
ANSELMO: Wer von uns ist denn schon schlafen gegangen?
ALFREDO: Ich nicht.
ANTONIO: Ich auch nicht.
ARMANDO: Ich schon gar nicht.
ANSELMO: Abzählen.
ALBERTO: Eins.
ALFONSO: Zwei.
ANSELMO: Drei.
ALFREDO: Vier.
ANTONIO: Fünf.
AUGUSTO: Sechs.
ARMANDO: Sieben.
Schneewittchen schaut zur Tür raus.
SCHNEEWITTCHEN: Oh.
Die 7 Zwerge drehen sich zu Schneewittchen um.
DIE 7 ZWERGE erschrocken: Aah.
SCHNEEWITTCHEN erschrocken: Aah.
DIE 7 ZWERGE erschrocken: Aah.
Schneewittchen flüchtet wieder zurück ins Schlafzimmer.
ANSELMO: Was war denn das?
Die 7 Zwerge schleichen sich an die Schlafzimmertür und öffnen sie langsam.
ANTONIO: Hallo?
SCHNEEWITTCHEN aus dem Schlafzimmer: Hallo.
AUGUSTO: Ist da wer?
SCHNEEWITTCHEN: Ja.
ALBERTO: Wer ist denn da?
SCHNEEWITTCHEN: Ich.
ALFREDO: Und was tun Sie da?
Schneewittchen kommt ängstlich aus dem Schlafzimmer.
SCHNEEWITTCHEN: Ich hab geschlafen.
ARMANDO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Weil ich so müde war.
AUGUSTO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Weil ich den ganzen Tag gelaufen bin.
ANTONIO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Weil ich nicht mehr in meinem Land bleiben darf.
ALFREDO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Weil die Königin das nicht will.
ANSELMO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Weil ich schöner bin als sie.
ALFONSO: Warum?
SCHNEEWITTCHEN: Das weiß ich auch nicht.
ALBERTO: Warum?
ANTONIO: So kommen wir nicht weiter. – Wie heißen Sie?
SCHNEEWITTCHEN: Ich heiße Schneewittchen.
ANTONIO: Schneewitzchen?
SCHNEEWITTCHEN: Nicht Witzchen, Wittchen, Schneewittchen.
ANTONIO: Das ist ein langer Name.
ALBERTO: Sie ist ja auch so lang.
ARMANDO: Und sie ist so nackt im Gesicht, ganz ohne Bart.
AUGUSTO: Ich habe gehört, in fremden Ländern sind die Leute viel größer als bei uns hinter den sieben Bergen. Und weil sie so groß sind, haben sie keine so langen Bärte wie wir.
ALFONSO: Eine Fremde?
ANSELMO: Aus einem fremden Land?
ARMANDO: Und ohne Bart?
ALBERTO: Und so groß.
ALFREDO: Also schön finde ich das nicht.
ANTONIO: Was will die bei uns?
ALBERTO: Weiß ich doch nicht.
AUGUSTO: Dann frag sie doch.
ANTONIO: He, du, große Fremde aus einem Fremden Land und ohne Bart, was willst du hier?
SCHNEEWITTCHEN: Die Königin wollte mich umbringen lassen. Aber der Jäger, der mich erschießen sollte, hatte Mitleid mit mir und hat mich über die Grenze gebracht. Und dann habe ich euer Haus gesehen und gehofft, ihr könntet mir vielleicht helfen.
ARMANDO: Nein, nein, nein, das geht nicht.
SCHNEEWITTCHEN: Bitte.
AUGUSTO: Jeder muss in sein Land.
SCHNEEWITTCHEN: Aber das darf ich ja nicht.
ARMANDO: Nein, nein, nein, das geht nicht.
ALFONSO: Wir können doch nicht einfach so jeden großen Fremden aus einem fremden Land und ohne Bart bei uns zu Hause reinlassen.
ARMANDO: Nein, nein, nein, das geht nicht.
SCHNEEWITTCHEN: Nicht jeden Fremden, nur mich.
ANTONIO: Aber du bist so… so… Du bist kein Zwerg. Das hier ist das Land hinter den sieben Bergen und in dem Land hinter den sieben Bergen leben die Zwerge. Und sonst niemand.
ALBERTO: Eben.
ALFONSO: Und schon gar keine große Fremde aus einem fremden Land und ohne Bart.
ARMANDO: Nein, nein, nein, das geht nicht.
ALFREDO: Du bist uns nicht geheuer.
AUGUSTO: Wer weiß, was du für eine bist.
ALBERTO: Eben.
ANTONIO: Wo kommen wir denn da hin, wenn sich da einfach so jede dahergelaufene große Fremde aus einem fremden Land und ohne Bart bei uns verstecken will.
AUGUSTO: Und ohne die Erlaubnis von unserem König geht das sowieso nicht.
ALFONSO: Genau.
ALBERTO: Eben.
ANSELMO: Ha.

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