Kazachok

5D, 5H
Uraufführung: Juni 2002 unter dem Titel „Sirtaki für Anfänger“, Vorarlberger Landestheater Bregenz, Probebühne
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

10 Jugendliche zwischen 14 und 19 bilden eine scheinbar in sich geschlossene Gruppe. Sie bewegen sich in einem nicht näher definierten Raum außerhalb der problematischen Elternhäuser. Mit pubertärem Flügelschlag flattern sie zwischen
der nicht allzu fernen Kindheit und der nicht allzu nahen Welt der Erwachsenen. Rene, der coole Oberboss der Gruppe ist Jessies Freund. Kevin geht mit Maja, Sebastian knüpft mit deren jüngerer Schwester Paulina die ersten zarten Bande. Tom, Bernd und Sophie haben sich partnerschaftlich noch nicht definiert. Da tritt Elena, ein russisches Mädchen in den Kreis. Sofort verschieben sich die Verhältnisse, Unruhe kommt in die oberflächlichen Beziehungen, scheinbar ingespielte
Strukturen geraten ins Wanken. Sofort steht ”die Neue” unter Beobachtung und wird zum Objekt der unausgegorenen Begierden. Der Kazachok um die geheimnisvolle Fremde beginnt.

Während Renes und Bernds plumpe Annäherungsversuche kläglich scheitern, küsst Elena Tom, der mit einfachen Zauberticks zu punkten versteht. Die ”Möchtegern-Machos” ziehen sich nach verlorenem Kampf zurück, der Platzhirsch Rene flüchtet sich wieder in die Arme seiner ”alten” Freundin. Alles ist wie früher. Oder doch nicht?

Rene: Ich liebe dich.
Jessie: Du mich auch.

Raoul Biltgen hat das Stück nach einem Projekt mit Jugendlichen entwickelt. Die Figuren kommunizieren über eingespielte Gesten und rituelle Sprachmuster. Der Fernsehjargon ist als Schutzschild verinnerlicht. Dahinter verbergen sich Sehnsüchte und Wünsche, überdeckt von oberflächlichen Angebereien.

Rene: Pubertät schon angekommen?
Sebastian: Was?
Rene: Sackhaare schon vollzählig?
Sebastian: Was willst Du?
Rene: Du hast ein Auge auf Paulina geworfen.
Sebastian: Ja.

Durch die Konfrontation mit der Fremden verändert sich das äußere Gefüge, die Beziehungen müssen sich neu definieren…

Jessie: Die soll erst mal Deutsch lernen und die Klappe halten soll sie…

Raoul Biltgen taucht kopfüber in die Welt der Jugendlichen. Er beschreibt nicht die großen Verletzungen, sondern die
kleinen, unbehandelten Kratzer an der Oberfläche. Seine Sprache ist authentisch und trifft punktgenau.

Kevin: Bier ist gleich Feiern, Party.
Paulina: Nein, Bier ist gleich Saufen, tot.

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Auszug


27.

ELENA: Ich, ja?
Stille.
KEVIN: Ja?
ELENA: Ich von Russia. Russia, ja?
TOM: Borschtsch.
KEVIN: Rasputin.
SEBASTIAN: Wodka.
Stille.
KEVIN zeigt auf sich, dann auf Maja: Kevin, Maja.
PAULINA: Rasputin.
KEVIN: Mistkäfer.
SEBASTIAN: Und was macht die jetzt?
Stille.
SEBASTIAN: Was machen wir mit ihr?
Stille.
SEBASTIAN: 5 Stunden später.
Stille.
KEVIN: Wie wär’s mit einer Begrüßungsfete?
TOM: Kannst ja die fragen, was sie davon hält. Wie war ihr Name?
SOPHIE: Ilena.
RENE: Elena.
KEVIN: Alena.
PAULINA singt: Ra, ra, Rasputin, Lover of the Russian Queen.
TOM: Was machst du hier?
PAULINA: Nimm doch ein Wörterbuch in die Hand und sag’s ihr auf russisch.
TOM: Nimm doch ein Wörterbuch in die Hand und sag’s ihr auf russisch. Und wie soll ich wissen, wie das heißt, die haben doch andere Buchstaben als wir.
RENE: Mach mal, Tom.
TOM zeigt auf sich: Tom.
ELENA: Elena.
TOM zeigt auf sich: Ich Austria. Du?
ELENA: Elena.
TOM: Willst du mich verarschen?

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