Odysseus lebt

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Uraufführung: April 2016, Gefängnistheater aufBruch, JSA Berlin external_link_icon
erschienen in: Raoul Biltgen, „einer spricht“, Monologe, Op der Lay, 2007
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Telemach ist der Sohn des Odysseus, des großen Helden im Trojanischen Krieg – Odysseus, der allein durch seine List mit dem Pferd, die längst jeder kennt, den Griechen den Sieg gebracht hat. Na, das ist doch was, worauf man stolz sein kann. Und womit man bei den anderen Jungs angeben kann. Wenn es da nicht ein Problem gäbe: Der Krieg ist längst vorbei, nur
Odysseus, Telemachs Vater, ist nicht heimgekehrt. Was ist, wenn er unterwegs mit seinem Schiff gekentert ist? Wenn er untergegangen ist? Wenn er tot ist? Und nie zurückkehrt?

Nein, das will und kann Telemach nicht akzeptieren, es muss einen Grund geben, warum sein Vater so lange braucht, um nach Hause zu kommen, einen guten Grund. Vielleicht hat er sich eben nur verspätet.

Um den Glauben daran, dass sein Vater noch lebt, aufrechtzuerhalten, sucht Telemach nach diesen Gründen: Odysseus könnte in die Fänge einer bösen Hexe geraten sein, oder in die Gewalt eines einäugigen Riesen, vielleicht hat es ihn sogar ins Totenreich verschlagen… Durch die Auseinandersetzung mit dem möglichen Tod seines verschollenen Vaters, erfindet Telemach die Odyssee. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Für ihn ist eines klar: Odysseus lebt.

Die Geschichte ist alt, die Umsetzung neu und modern. Ein Junge erzählt in einem „Zwiegespräch“ mit einem imaginären Freund von den Heldentaten des berühmten Vaters, der nicht heimkehrt. Biltgen entwirft die Odyssee aus der Perspektive des sehnsüchtig wartenden Sohnes und macht damit den Sprung in die heutige Zeit glaubhaft. Idealisiert da
nicht auch so mancher junge Mensch ein „abhanden gekommenes“ Elternteil? Ein idealer Monolog auch für Schulen. Der Aufwand ist gering, die Wirkung groß. Und die Odyssee mit all ihren sagenhaften Figuren- von Hektor bis Achilleus, von Helena bis Paris, von Kirke bis Polyphem- „lernen“ Jugendliche von heute, deren Sprache Biltgen verinnerlicht hat,dabei
ganz nebenbei.

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Auszug

Ich bin Telemach, der Sohn des Odysseus. Und Odysseus, das ist der König von Ithaka. Ha.
Und der sagt: Jaja.
Und ich sag: Und Odysseus ist einer der Heerführer im Krieg gegen die Trojaner.
Und der sagt: Ja, klar.
Und zwar einer des besten.
Sicher.
Und ich sag: Und wenn mein Vater, Odysseus, nicht gewesen wär, dann hätten die Griechen nämlich den Krieg gegen die Trojaner gar nicht gewonnen, so ist das nämlich, sondern verloren. Und da können noch so viele starke und große Soldaten dabei gewesen sein.
Und dann sagt der: Das kannst du deiner Oma erzählen.
Und dann sag ich: Nein, das kann ich dir erzählen. Hör zu.
Und dann erzähle ich vom Krieg Griechenland gegen Troja. Von Agamemnon, der die ganzen Könige von den befreundeten Ländern herbeigerufen hat, damit sie mit ihm zusammen gegen Troja in den Krieg zu ziehen, weil die Trojaner, das heißt, Paris, der Sohn des Königs von Troja, der hat Agamemnons Bruder die Frau entführt, Helena, und will sie jetzt nicht mehr rausgeben, auch nicht gegen Lösegeld, und da sagt Agamemnon: Also, so geht das ja nicht, da werden wir jetzt einen Krieg veranstalten, da werden sich die blöden Trojaner aber wundern, wenn die glauben, die können sich alles erlauben. Davon abgesehen nerven mich die ja schon seit geraumer Zeit, weil die werden immer größer und größer und breiten sich schon ziemlich aus da rund um ihre Stadt, und besser ist es, wir bekämpfen sie jetzt, wo sie noch nicht allzu stark sind, wie wir warten, bis sie richtig viele sind und richtig gute Waffen haben und dann uns überfallen.
Und die anderen Könige und Soldaten geben Agamemnon recht, weil er hat ja auch recht, auch wenn ihnen Helena egal ist, aber man muss schon gegen Troja einschreiten, so lange noch Zeit dafür ist, also steigen sie in ihre Schiffe und fahren los, eine so große Armee, das hat es bisher noch nie gegeben.
Troja, muss man wissen, ist eine Stadt, die liegt direkt am Meer. Dahinter eher hügelig, davor geht es direkt runter zum Strand, und von dort kommen die Griechen mit ihren Schiffen. Weil das ist auch die einzige Möglichkeit, Troja anzugreifen, von vorn, vom Meer her eben.
Aber ein Späher auf einem Turm auf einer der Festungsmauern von Troja, der schaut zum Meer raus, und am Anfang, da sieht er nicht viel, weil es recht neblig ist, aber plötzlich kommt die Sonne raus und schmilzt den Nebel weg und da entdeckt er am Horizont diese ganzen Schiffe, und zuerst kriegt der so einen Schreck, dass er sich fast in die Hose macht und gar nichts sagen kann und einfach nur so dasteht mit offenem Mund, wie wenn er versteinert wär oder eben gerade die größte Kriegsflotte gesehen hätte, die er jemals in seinem Leben gesehen hat, und so war es ja auch. Doch dann stammelt er: Krieg. Krieg. Jetzt. Krieg. Da.
Er zeigt mit einem ganz zittrigen Finger zum Meer.
Und schlägt er Alarm.
Schnell werden alle Türen und Tore von Troja zugemacht. Damit hatten sich die Griechen natürlich den schönen Überraschungsangriff verpatzt.
Aber sie greifen trotzdem an.
Nur, das Problem ist, dass Troja zwar nur eine Stadt ist, aber eine wahre Festung. Hohe Mauern rundherum, meterdick und hoch wie zwei Häuser aufeinander, so hoch, dass es fast unmöglich ist, mit einem Pfeil rauf zu schießen, geschweige denn mit einem Speer, der klatscht einfach nur gegen die Steine der Mauer und zerbricht und fällt runter und aus. Das haben die Griechen ausprobiert. Und es dann auch gleich wieder aufgegeben. Die Griechen bräuchten irgendwo ein kleines Loch in einer den Mauern, ein eingebrochenes Tor, eine kaputte Türangel, und schon könnten sie loslegen. Aber die Trojaner achten natürlich besonders auf ihre Mauern und Tore und Türangeln.
Und deswegen wird gekämpft und gekämpft und gekämpft, jahrelang, ohne dass großartig was passiert. Mal kommen die Griechen bis knapp vor die Stadtmauern ran, dann werfen die Trojaner wieder mit Steinen runter und mit siedend heißem Öl und mit Pech, dann müssen die Griechen wieder zurück.
Jahrelang geht das so, jahrelang.
Insgesamt neun Jahre lang.
Ein Krieg, in dem sich einfach nichts tut.
Natürlich sterben ständig Menschen, aber eben auf beiden Seiten, so dass keiner der beiden jemals wirklich im Vorteil ist.
Jahrelang eben.
Es gab große Helden auf beiden Seiten. Bei den Trojanern gab es eben Paris und seinen Vater, den König von Troja, aber vor allem Hector, einer des besten Kämpfer, den es überhaupt jemals gegeben hatte. Dafür hatten die Griechen Agamemnon und Patroklos und dessen Freund Achill, der so stark war, dass das Gerücht ging, er sei unsterblich. Was er natürlich nicht war, aber ein guter Ruf ist auch schon viel wert. Alles große und starke Männer.
Aber trotz der ganzen Helden Hector und Paris und Agamemnon und Patroklos und Achill, weder die Griechen noch die Trojaner konnten den Krieg gewinnen. Und so starben nach und nach die meisten der Helden: Hector tötete Patroklos, Achill tötete Hector, Paris tötete Achill, irgendeiner tötete Paris, sie alle mussten früher oder später dran glauben, egal wie groß oder stark sie waren.
Aber der größte Held war vielleicht nicht der größte und stärkste, sondern eben der schlaueste, Odysseus, mein Vater. Und ich sag ja, es geht nicht darum, wie stark oder groß man ist, weil sonst wär der Krieg vielleicht schon längst vorbei gewesen. Nein, es geht darum, wie schlau man ist.
So kam es eines Abends, da saßen die ganzen Könige und Heerführer zusammen im Zelt bei Agamemnon und sagten sich: Puh, das dauert ja schon ewig hier. Und das alles wegen einer Frau. Was kann man denn da machen, dass das endlich mal zu Ende geht?
Da stand Odysseus, mein Vater, auf und sagte: Ich habe eine Idee.

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