Rattenfänger

9 Personen
UA frei
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Auf dem Marktplatz einer Kleinstadt herrscht buntes Treiben. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach und pflegen ihre alltäglichen Freuden und Sorgen. Eines Tages taucht am Fluss ein Musiker auf, der mit seinem Spiel das Geschehen schlagartig verändert. Alle gehen freundlicher und respektvoller miteinander um, der stolze Bürgermeister sieht sich schon als Oberhaupt einer neuen Kulturhauptstadt Europas.

Plötzlich tauchen am Fluss Ratten auf und wandern in Scharen in die Stadt. Der Bürgermeister sucht einen professionellen Rattenfänger und schreibt eine hohe Belohnung für denjenigen aus, der die verzweifelten Menschen von der Plage befreien könne. Der Musiker, von der aufgebrachten Menge als Urheber der Ratteninvasion beschimpft, wird als Sündenbock aus der Stadt verjagt.

Als die Bürgerwehr kläglich scheitert, nehmen die Kinder die Sache in die Hand. Sie holen den Musiker zurück und zeigen den Erwachsenen, dass sich die Ratten durch seine Musik friedlich aus der Stadt locken lassen. Die Ratten sind verschwunden, doch keiner will sich mehr an die versprochene Belohnung erinnern, schon gar nicht für so einen dahergelaufenen Musikanten. Als die Bürger den armen Musikanten sogar mit dem Gefängnis drohen, wird es den Kindern zu bunt. Sie schmieden einen geschickten Plan, um der Gerechtigkeit doch noch zum Sieg zu verhelfen…

Als der Musiker Musik gespielt hat, da haben sich plötzlich alle Menschen vertragen und waren gut zueinander. Und wenn das auch mit den Ratten funktioniert, wenn die sich auch beruhigen, wenn sie die Musik hören, dann kann man sie ganz einfach aus der Stadt schaffen, ohne dass sie sich wehren.

Raoul Biltgen entlarvt in der Geschichte den versteckten Hass auf alles Fremde und zeigt sämtliche Mechanismen organisierter Machtapparate auf. Der Bürgermeister wird zum Opfer seiner eigenen Bürgerwehr. Der verhärteten Welt der Erwachsenen stehen die Kinder gegenüber, die Biltgen sozusagen „an die Macht“ lässt…

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Auszug

1. Szene
Der Marktplatz einer kleinen Stadt. Man sieht Verkaufsstände, vielleicht einen Brunnen in der Mitte. Hinter einem Stand die Händlerin, hinter einem anderen der Händler. Die Frau des Bürgermeisters kommt zum Stand der Händlerin.
HÄNDLERIN: Frau Bürgermeister, bitte sehr, wie schön Sie zu sehen, was kann ich für Sie tun?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Äpfel. Ja, Äpfel wären ganz gut, ich will einen Kuchen backen. Was kosten diese hier?
HÄNDLERIN: Einen Kuchen? Oh ja, da sind diese hier besonders gut, Granny Smith, drei Gulden nur fürs Kilo.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Drei Gulden?
HÄNDLERIN: Oder vielleicht diese hier, nicht weniger gut, golden delicious, allein der Name ein Gedicht, und das Kilo um gerade mal zwei Gulden fünfzig.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Zwei Gulden fünfzig?
HÄNDLERIN: Habe ich zwei Gulden fünfzig gesagt?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ja, das haben Sie.
HÄNDLERIN: Ich meinte natürlich zwei Gulden. Zwei Gulden fürs ganze Kilo. Sehr günstig.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Zwei Gulden für die paar Äpfel? Also das finde ich nicht gerade günstig.
HÄNDLERIN: Wissen Sie was, Frau Bürgermeister, ich gebe ich Ihnen noch zwei Birnen dazu. Na?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Zwei Birnen?
HÄNDLERIN: Gut, drei Birnen. Drei dicke Birnen.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Aber ich will doch gar keine Birnen, ich will Äpfel.
HÄNDLERIN: Birnen sind aber sehr gesund.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Wenn ich aber lieber Äpfel mag.
HÄNDLERIN: Und da sind Sie sich auch ganz sicher?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ja, da bin ich mir ganz sicher.
HÄNDLERIN: Tja, dann fragen Sie doch drüben beim Kollegen, ob der Ihnen die Äpfel billiger gibt.
HÄNDLER: Wieso sollte ich die Äpfel billiger verkaufen? Meine Äpfel sind genauso gut wie Ihre Äpfel. Wenn nicht sogar besser.
HÄNDLERIN: Wollen Sie damit etwa sagen, meine Äpfel sind nicht gut?
HÄNDLER: Auf keinen Fall sind Ihre Äpfel besser als meine Äpfel.
HÄNDLERIN: Wer sagt das?
HÄNDLER: Ich sag das.
HÄNDLERIN: Kaufen Sie meine Äpfel, liebe Frau Bürgermeister, weil meine Äpfel sind viel besser als seine Äpfel. Und ich gebe Ihnen noch einen Salat dazu.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ich dachte, Sie wollten mir Birnen dazu geben?
HÄNDLERIN: Na gut, weil Sie es sind, Frau Bürgermeister: Birnen und Salat.
HÄNDLER: Und ich geben Ihnen Karotten dazu. Das ist doch ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann, oder?
HÄNDLERIN: Jetzt versuchen Sie mal nicht so dreist mir meine Kundin abspenstig zu machen.
HÄNDLER: Sie haben sie doch zu mir geschickt.
HÄNDLERIN: Nein, das habe ich nicht.
HÄNDLER: Doch, das haben Sie.
HÄNDLERIN: Nein, das habe ich nicht.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Vielleicht will ich doch lieber Aprikosen.
HÄNDLERIN: Was denn nun? Äpfel oder Aprikosen?
HÄNDLER: Schauen Sie hier, meine Aprikosen sind viel schöner als ihre Aprikosen.
HÄNDLERIN: Das stimmt doch gar nicht, meine Aprikosen waren gestern noch am Baum.
HÄNDLER: Und meine heute Morgen.
Bürgermeister kommt dazu.
BÜRGERMEISTER: Was ist denn hier los?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ich wollte Äpfel kaufen, um heute Abend einen Kuchen zu backen.
HÄNDLERIN: Ach, jetzt sind es wieder Äpfel, Sie können sich aber auch gar nicht entscheiden, was?
BÜRGERMEISTER: Wenn meine Frau Äpfel haben will, dann kriegt sie auch Äpfel.
HÄNDLER: Aber meine Aprikosen sind viel schöner als ihre Äpfel.
BÜRGERMEISTER: Wer redet denn hier von Aprikosen?
HÄNDLERIN: Na Ihre Frau, Herr Bürgermeister, Ihre Frau redet doch die ganze Zeit von Aprikosen.
BÜRGERMEISTER: Ich dachte, du wolltest einen Apfelkuchen backen?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ja.
BÜRGERMEISTER: Und seit wann kommen in einen Apfelkuchen Aprikosen?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Dann wollte ich doch lieber eine Aprikosentorte backen, weil die Äpfel hier zu teuer sind.
HÄNDLER: Meine Äpfel sind nicht zu teuer, schauen Sie sich nur diese Äpfel an, golden delicious, granny smith, das sind die schönsten Äpfel, die Sie weit und breit finden können. Die waren gestern noch am Baum.
HÄNDLERIN: Und meine heute Morgen.
BÜRGERMEISTER: Wie wär’s denn mit Birnen? Ich mag Birnen viel lieber als Äpfel.
HÄNDLERIN: Und was halten Sie von Aprikosen?
BÜRGERMEISTER: Auch nicht schlecht, nein, auch nicht schlecht.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Aber ich werde doch jetzt nicht einfach eine Aprikosentorte backen, nur weil sie da keine guten Äpfel hat.
BÜRGERMEISTER: Birnen, ich bin für Birnen.
HÄNDLERIN: Das sag ich doch die ganze Zeit.
HÄNDLER: Ich hätte allerdings auch noch ganz frischen Kürbis.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Kürbis?
HÄNDLER: Ganz frisch.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Kürbiskuchen?
HÄNDLER: Kürbissuppe, gnädige Frau.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ich will doch keine Suppe kochen, ich will Kuchen backen.
BÜRGERMEISTER: Ich finde Suppe gar nicht schlecht, vielleicht eine Zwiebelsuppe.
HÄNDLERIN: Da könnte ich Ihnen diese hier empfehlen.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Und was ist mit dem Kuchen?
BÜRGERMEISTER: Stimmt, Kuchen ist gut.
HÄNDLER: Aprikosenkuchen.
BÜRGERMEISTER: Birnenkuchen.
HÄNDLERIN: Birnentorte.
BÜRGERMEISTER: Ja.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Geben Sie mir ein Kilo von Ihren Äpfeln bitteschön.
BÜRGERMEISTER: Ich will aber Birnenkuchen.
HÄNDLERIN: Birnentorte.
BÜRGERMEISTER: Genau, ich will Birnentorte.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Dann back sie dir doch, deine Birnentorte.
BÜRGERMEISTER: Aber…
HÄNDLERIN: Aber Frau Bürgermeister…
1. Kind kommt auf den Markt gelaufen.
1. KIND: Mami, Mami.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Was ist denn?
BÜRGERMEISTER: Hast du lieber Äpfel oder Birnen?
1. KIND: Draußen am Fluss…
HÄNDLER: Oder Aprikosen? Schöne, saftige Aprikosen?
BÜRGERMEISTER: Jetzt kommen Sie doch nicht schon wieder mit ihren blöden Aprikosen.
1. KIND: Draußen am Fluss…
HÄNDLER: Meine Aprikosen sind nicht blöd.
HÄNDLERIN: Du magst sicher Birnen, oder?
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Nein, Äpfel.
1. KIND: Draußen am Fluss, vor der Stadt…
BÜRGERMEISTER: Ja, was ist denn da draußen vor der Stadt am Fluss?
1. KIND: Ein Musiker.
BÜRGERMEISTER: Aha.
FRAU DES BÜRGERMEISTERS: Ein Musiker?
1. KIND: Ja.
BÜRGERMEISTER: Und was tut dieser Musiker draußen vor der Stadt am Fluss?
1. KIND: Er macht Musik.

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