Restroom

2D, 2H
Uraufführung: Jänner 2005, Vorarlberger Landestheater Bregenz
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

Eine Frau sucht mit ihrer Schwester die Toilette einer Tankstelle am Rande einer einsamen Landstraße auf. Wegen eines Defekts ist nur die Herrentoilette intakt. Inspiriert von der ungewohnten Lokalität, führen die Damen angeregte Klogespräche, während der Ehemann der Frau draußen den Tank füllt. Die Frau klagt über die Tristesse ihres ehelichen Sexuallebens und träumt von der heilenden Wirkung eines potentiellen Seitensprunges mit einem strammen Liebhaber. Da muss sie aus dem Mund der Schwester erfahren, dass ihr der Ehemann bereits zuvorgekommen ist. Unbekümmert berichtet „die Schwägerin“ von einem bereits zwei Jahre zurückliegenden Liebesabenteuer mit dem ”langweiligen Schwager”. Die Betrogene gerät in Rage. Laut streitend verlassen die Schwestern das Klo, welches kurz darauf der Ehemann, von einem dringenden Bedürfnis getrieben, aufsucht. Die Toilette wird allerdings bereits von einem LKW- Fahrer blockiert, den die Schwestern kurz davor der Türe verwiesen haben. Der Ehemann erteilt dem mysteriösem Mann hinter der Klotür bereitwillig über das Sicherheitssystem im Kassenraum Auskunft. Kurz darauf stürmt der Fahrer bewaffnet den Laden. Der Überfall misslingt, die automatische Türensperre schnappt zu. Ehepaar und Schwester werden vom Fahrer als Geisel in der Toilette festgehalten.

Obwohl die Situation in Erwartung der Polizei äußerst gespannt ist, kommen das Täter und Opfertrio einander auf ungewöhnliche Weise näher. Schonungslos werden alte Rechnungen beglichen, die Schwester animiert den Täter zu einem leidenschaftlichen Kuss. Der vermeintliche Seitensprung von damals entpuppt sich als Flop, der Ehemann macht in die Hose, während sich seine Frau in naiver Unerschrockenheit keineswegs vom nervenschwachen Täter aus der Ruhe bringen lässt. Bei einem hysterisches Gerangel um das Gewehr erschießt die Frau aus Versehen ihren Mann. Die Schwester knallt aus Versehen den wild herumfuchtelnden Geiselnehmer ab. Und nachdem sich in einem furiosen Finale der dritte Schuss löst, verlassen die Frauen, aus Versehen unverwundet, mit einem perfekten Alibi die Toilette.

Ein Täter hält nach einem missglückten Überfall drei Leute gewaltsam fest. Eine banale Situation, in die jeder gelangen kann. Doch geht es in Restroom nicht unbedingt um die vordergründige Geschichte der Geiselnahme, sondern um die Konfrontation von Menschen, deren Beziehungsgeflecht von einer alltäglichen in eine extreme Situation wechselt. Raoul Biltgen kippt die Gefährlichkeit der Situation ins Absurde und deckt umso deutlicher die Handlungsmotive seiner Figuren auf. Die Ausnahmesituation, in der sich die Vier in der Toilette befinden, setzt ein schlummerndes Gewaltpotential frei. Doch ist die Geschichte kein Krimi, sondern eher die weitergedachte Konsequenz kriminalistischer Phantasien. Was würde man tun, wenn man könnte? Die Gelegenheit ist perfekt. Die Schwestern handelten scheinbar aus Notwehr…

 

Restroom am Vorarlberger Landestheater Bregenz

Restroom am Vorarlberger Landestheater Bregenz

Kritik zur Uraufführung

Ein absoluter Lacherfolg im ausverkauften Theater! (Schwäbische Zeitung vom 10.1.2005)
Biltgen hat in seinem Vier-Personen-Stück Action und Tiefgang, Komik und Entsetzen verknüpft. Er bringt vier Menschen- eine Frau, ihre Schwester, ihren Mann und einen Fremden- aus dem Alltag in eine Extremsituation, wie man sie aus den Medien kennt, und läßt uns hautnah daran teilnehmen. Ein Geiselnehmer taucht auf, Todesangst steht im Raum. Gibt es eine Verständigung? Vieles, was sicher schien, gerät ins Wanken. Lügen werden ans Licht gezerrt. Wer ist Täter, wer Opfer? Nach einem amüsanten Einstieg kippt die Situation. Eine vorzügliche Arbeit von Regisseur und Intendanten Harald F. Petermichl, der die psychologischen Momente und Wechselspiele behutsam herausarbeitet.

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Auszug


(Ein Toilettenraum einer Tankstelle. Der LKW-Fahrer in der Klokabine, der Mann wartend davor.)
LKW-FAHRER: Können Sie mir nicht vorne eine Zeitung holen?
DER MANN: Bitte?
LKW-FAHRER: Ob Sie so nett sein könnten, mir eine Zeitung zu holen, vorne? Irgendwas.
DER MANN: Ich habe mein Geld im Auto, weil, also, meine Frau zahlt das Benzin, wir wechseln uns immer ab, einmal sie, einmal ich, einmal ihre Schwester, sofern sie mitfährt, und jetzt war sie dran, also meine Frau…
LKW-FAHRER: Und Sie haben nichts dabei?
DER MANN: Nein. Aber vielleicht könnten Sie mir einfach ein wenig Geld unter der Tür durchschieben?
LKW-FAHRER: Mein Geld ist im Laster.
DER MANN: Ah, ja, das ist bedauerlich.
LKW-FAHRER: Ja.
(Stille.)
DER MANN: Soll ich mal fragen, ob die vorne vielleicht eine Zeitung ausborgen würden? Wär ja möglich, nicht? Dienst am Kunden. – Weil das sollte schon sein. Ich meine, ich komme ja aus dem Dienstleistungsgewerbe, ja?, also das sollte schon sein.
LKW-FAHRER: Wenn Sie wollen…
DER MANN: Ja?
LKW-FAHRER: Ja.
DER MANN: Gerne.
(Der Mann will gehen.)
LKW-FAHRER: Sagen Sie…
DER MANN: Ja?
LKW-FAHRER: Könnten Sie dann kurz mal schauen, also vorne, ob da grad viel Betrieb ist?
DER MANN: Warum denn?
LKW-FAHRER: Nur so. Könnten Sie das für mich tun? Einmal schauen, ob im Kassenraum viel los ist und dann auch, ob noch Leute bei den Zapfsäulen sind? Das wär nett.
DER MANN: Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen machen kann…
LKW-FAHRER: Ja, bitte, lenkt mich ab…
DER MANN: Verstehe. Aber dann wär es wirklich auch für mich schon so langsam sehr dringend.
LKW-FAHRER: Ist mir klar.
DER MANN: Sehr dringend.
LKW-FAHRER: Dann wird es ganz schnell gehen, glauben Sie mir.
DER MANN: Gut.
LKW-FAHRER: Gut.
DER MANN: Also, ich schau dann mal raus.
LKW-FAHRER: Danke.
DER MANN: Bis gleich.
LKW-FAHRER: Ja, bis gleich.
(Der Mann geht raus. Großer Seufzer vom LKW-Fahrer. Man hört an seinem Atem, dass er sich anstrengt, endlich sein Geschäft zu erledigen, und zwar ehe der Mann wieder zurückkommt. Es scheint ihm zu gelingen. Nach einer Weile kommt der Mann zurück.)
DER MANN: Ich bin wieder da.
(Stille.)
DER MANN: Hallo? Ich bin zurück. – Sind Sie noch da?
LKW-FAHRER gepresst: Ja.
DER MANN: Oh, Entschuldigung. – Viel Glück.
LKW-FAHRER: Ja, stören Sie nicht.
DER MANN: Nein, Entschuldigung.
(Stille.)
DER MANN: Und?
LKW-FAHRER gepresst: Gleich.
DER MANN: Ja.
(Stille.)
DER MANN: Ach ja, genau. Also, es ist nicht so viel los im Moment, also kaum. Ein Mercedes ist gerade weggefahren, aber sonst niemand.
LKW-FAHRER: Gut.
DER MANN: Also ich bin natürlich noch da. Und meine Frau würde auf mich warten, und ihre Schwester, im Auto, aber ich müsste Sie dann auch bitten, naja, Sie wissen schon.
LKW-FAHRER schreit: Sofort.
DER MANN: Vielleicht könnten Sie mich ja nur ganz kurz vor lassen, ich bin da immer sehr schnell, und dann könnten Sie in aller Ruhe weiter…
LKW-FAHRER: Dann kacken Sie doch ins Waschbecken, Mann, wenn Sie es nicht mehr aushalten, oder Sie lassen es mich jetzt endlich zu Ende bringen, ja?
DER MANN: Entschuldigung.
(Stille. Der LKW-Fahrer gibt sich sehr viel Mühe.)
DER MANN: Und ich habe auch nach einer Zeitung gefragt, wissen Sie, aber die junge Dame an der Kasse war schon sehr unfreundlich, das ginge nicht, das müsste ich dann schon bezahlen, oder eben Sie. Also sowas hätte es bei uns nicht gegeben, weil wir organisieren ja jährliche Weiterbildungsmaßnahmen, die für unsere Mitarbeiter verpflichtend sind, und gerade erst vorletztes Mal ging es darum, wie man sich dem Kunden gegenüber benehmen sollte, und dass es manchmal mehr bringt, kleine Aufmerksamkeiten zu gewähren, um den Kunden für sich zu gewinnen, um dann das große Geschäft abschließen zu können.
LKW-FAHRER gepresst: Verstehe.
DER MANN: Der große Sicherheitscheck zum Beispiel mit allem Drum und Dran an Versicherungen. Besonders beliebt bei Geschäftsleuten.
LKW-FAHRER gepresst: Mhm.
DER MANN: Es ist ja immer dasselbe. Steh ich an der Kasse und bitte diese junge Dame, ein sehr ansehnliches Fräulein übrigens, nach einer Zeitung, und was müssen meine erfahrenen Augen wieder erblicken? – Na, was glauben Sie?
LKW-FAHRER sehr gepresst: Weiß nicht.
DER MANN: Eine Kamera über der Kasse.
LKW-FAHRER: Was?
DER MANN: Aber eine dieser Attrappen. Einfach nur ein Blechding, was abschrecken soll, und wenn es dann doch passiert, dann gibt es kein Bild, weil es keine Kamera ist, sondern nur eine Nachbildung.
LKW-FAHRER: Aha.
(Der LKW-Fahrer kackt. Großer Seufzer beider Männer. Man hört, wie sich der LKW-Fahrer den Hintern wischt. Es stinkt.)
DER MANN: Gratuliere.
LKW-FAHRER: Was sind das für Dinger?
DER MANN: Bitte?
(Der Mann wird ungeduldig, weil er nun endlich auch dran kommen will. Der LKW-Fahrer zieht die Hose hoch.)
LKW-FAHRER: Wo Sie gerade drüber gesprochen haben.
DER MANN: Nachbildungen. Schlicht und ergreifend schlecht gemachte Nachbildungen. Müsste eigentlich jedem auffallen, dass das keine echten Kameras sind. Aber natürlich billiger. Wie immer wird am falschen Ende gespart.
LKW-FAHRER: Sehr gut.
DER MANN: Oh nein, ganz im Gegenteil…
Der LKW-Fahrer betätigt die Wasserspülung.
DER MANN: Endlich.
(Der LKW-Fahrer kommt raus, er hat seine Wollmütze über sein Gesicht gerollt, so dass nur noch Augen und Mund frei sind, in der Hand hält er eine Schrotflinte, die man bisher nicht gesehen hat, und richtet sie auf den Mann.)
LKW-FAHRER: Umdrehen und schön langsam vor mir her bis zur Kasse.
DER MANN: Was?
LKW-FAHRER: Du hast mich verstanden.
DER MANN: Aber…
LKW-FAHRER: Los.
DER MANN: Aber, bitte, ich muss wirklich…
LKW-FAHRER: Verkneif es dir.
(Beide ab.)

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