Wolf!

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Urauffühung: September 2019, Plaisiranstalt / theater praesent Innsbruck / Dschungel Wien
(c) Thomas Sessler Verlag, Wien

 

»Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.« – Mark Twain

Einer ruft: Wolf!

War da ein Wolf? Oder war es nur eine Lüge?

Aber warum sollte jemand Wolf rufen, wenn da gar kein Wolf ist? Warum sollte er den anderen Angst machen, wenn alles in Ordnung ist? Was hätte er davon?

Und was ist, wenn niemand ihm glaubt, und da ist wirklich ein Wolf?

Auch wenn keiner ihn sieht.

Was ist wahr?

Manchmal sind Wahrheit und Lüge nicht so klar voneinander zu unterscheiden. Gibt es die Wahrheit? Gibt es eine Wahrheit? Oder mehrere? Und wer bestimmt, was wahr ist? Was kann man heutzutage noch glauben? Wem kann man heutzutage noch glauben?

Behauptungen werden zur Wahrheit. Die Wahrheit wird zur Behauptung.

Und wir schauen dumm aus der Wäsche.

Bestimmen wir selbst, was wahr ist und was nicht!

 

Raoul Biltgens Theaterstück WOLF! ist unter den 12 besten Theaterstücken beim Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis 2020 gelandet und damit in den „Stückepool“ aufgenommen.

 

Pressereaktionen zur Uraufführung:

„Fake News oder Fakten? Wahrheit oder Lüge? Ein ernstes Thema, fast allgegenwärtig – in politisch brisanten Zeiten aber auch im (multimedialen) Alltag. So witzig, spritzig und doch treffgenau wie in „Wolf!“, das zur Saisoneröffnung im Dschungel Wien Premiere hatte, wurden diese Fragen wohl noch nie thematisiert.“ – Kurier, 20.09.2019 von Heinz Wagner
 
„Was ist wahr? Was ist gelogen? Was ist ein Schmäh? Der Text von Raoul Biltgen geht dieser Frage in einer raffinierten Struktur der Wendungen und Richtungsänderungen nach. (…) ist „Wolf!“ so erfrischend, weil es eben nicht moralisierend oder belehrend daherkommt, sondern in einer unterhaltsamen Show ein Thema anschneidet, dem man sich einfach widmen muss. Immer und immer wieder.“ – Tanz.at, 20.09.2019 von Edith Perez
 

Auszug

Äsop singt vor sich hin: Der Schäfer sitzt allein im Gras und denkt sich einen Prank aus.

Und der geht so:

Äsop schreit: Wolf. Wolf. Wolf. Da ist ein Wolf. Hilfe, ein Wolf frisst die Schafe.

Wäre vor ein paar Jahren nicht gegangen. Da gab’s keine Wölfe mehr. Da waren Wölfe nur die bösen Tiere aus dem Märchen.

Äsop schreit: Wolf. Wolf. Wolf. Kommt schnell.

Der große böse Wolf, der dem kleinen Mädchen mit der roten Kappe im Wald auflauert und dann die Oma frisst.

Äsop schreit: Wolf.

Oder der große böse Wolf pustet das Haus der drei kleinen Schweinchen um. Und frisst sie.

Äsop schreit: Wolf.

Oder …

Und da kommen sie gerannt, die Bauern, wie im Märchen, aufgebracht, mit Mistgabeln und Fackeln und Gewehren …

Wo? Wo ist er? Wir schlagen ihn tot.

Seit es hin und wieder wieder echte Wölfe in den Wäldern gibt, schieben die Bauern voll die Panik, wenn auch nur wer das Wort sagt.

Nein, sag es nicht.

Was?

Das Wort.

Welches Wort?

Das W-Wort.

Wolf?

Ah, ich habe doch gesagt, du sollst das nicht sagen.

Ihr müsst wissen, Bauern sind ganz besonders abergläubisch. Das ist, wenn man was glaubt, obwohl man weiß, dass es nicht sein kann. Die Bauern glauben, wenn man etwas sagt, wird es damit automatisch zur Wahrheit. Sagt man Wolf, kommt der Wolf.

Und?

Und was?

Wo ist er jetzt?

Wer?

Na er.

Der Wolf?

Ah, nicht. Ja. Wo? Wir schlagen das Biest tot.

Hihi, Prank, voll vera-t. Reingefallen. Whoo.

What?

Und hier ist die Kamera. Wollt ihr eure blöden Gesichter sehen? Da lachen sogar die Schafe, mäh, mäh, mäh.

Schafe lachen nicht. Die haben auch Angst. Nicht vorm Wolf, da ist kein Wolf, aber vor den Menschen. Ich mein, auch so ein Schafspelz brennt ja wie Zunder, da hoppelt so ein Schaf lieber mal um die nächste Ecke und tut so, als sei es ein armes, unschuldiges Wald- und Wiesenkaninchen, mümmel, mümmel, mümmel.

What? Du schreist hier rum, du elender, kleiner …

Was?

Tunichtgut.

Tunichtgut find ich gut. Klingt so alt, so wie ihr.

Da stapfen sie wieder von dannen. Beleidigt. Von dannen stapfen nur die Alten. Die Altvorderen. Von dannen stapfen die ehrwürdigen Bauern und begeben sich zu Bette, ihren gerechten Zorn hinunterschluckend.

Yay, voll geprankt.

Äsop singt vor sich hin: Der Schäfer sitzt allein im Gras und er haut sich weg vor Lachen. Lol.

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